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Butler, Judith (1993): Bodies that Matter. On the Discursive Limits of "Sex" [kommentiert (D)]. New York/London: Routledge [dt.: Körper von Gewicht: Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997].



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Judith Butlers - nach Subjects of Desire (1987) and Gender Trouble (1990) - drittes Buch Bodies That Matter (1993) wird oft als Antwort auf die Fragen und Missverständnisse gelesen, die die Rezeption von Gender Trouble aufgeworfen hat. Während Gender Trouble als genealogische Analyse der Art und Weise verstanden werden kann, wie sexuierte und vergeschlechtlichte Subjekte diskursiv konstruiert und hervorgebracht werden, präsentiert Bodies That Matter eine kritische Genealogie der diskursiven Konstruktion der Materialität von Körpern durch die ritualisierte Reiteration von Normen (Salih 75). Dabei geht es Butler keineswegs darum, die Materialität der Körper zu verleugnen, vielmehr sieht sie ihre Arbeiten als "genealogische Bemühungen", "die normativen Bedingungen zu klären, unter denen die Materialität des Körpers gestaltet und gebildet wird, und insbesondere, wie sie durch differentielle Kategorien des Geschlechts gebildet wird." (42) Butler tritt nicht nur der Auffassung entgegen, die Performativität von Gender könne als voluntaristische Wahl einer bestimmten Geschlechtsidentität verstanden werden, die sich ein Subjekt nach Belieben auswählt und wieder ablegt, sondern vor allem auch dem Vorwurf, sie betreibe eine Praxis der Entkörperung - basierend auf einem linguistischen 'Idealismus', der unterstellt, "der Körper werde vollkommen oder erschöpfend linguistisch konstituiert" (dt. 11).

Dagegen entwickelt Butler den Begriff einer diskursiven Performativität, wobei sie auf Austins Theorie performativer Sprechakte, Derridas Konzept der Iterabilität, Althussers Konzept der Interpellation sowie auf Zizeks performative Theorie politischer Signifikanten zurückgreift. Daneben stützt sich Butler auf eine modifizierte Form des Foucaultschen Machtmodells, dem zufolge Macht als eine erzwungene und reiterierte Produktion von Subjekten verstanden werden muss, die zugleich mit Verwerfung und der Produktion eines 'Außen' arbeitet (engl. 22, dt. 49).

Butler versteht Konstruktion als konstitutiven Zwang, der nicht nur den Bereich intelligibler Körper, sondern auch - als dessen konstitutives Außen - den Bereich undenkbarer, verworfener Körper produziert, die nicht in derselben Weise 'Gewicht haben'. Weder darf man, sobald man von der Konstruiertheit des Körpers spricht, in einen sprachlichen Monismus oder Determinismus verfallen, noch jener grammatischen Verführung, die die Subjektpositionen einfach umkehrt und - gemäß der Metaphysik des Subjekts - nun den Diskurs, die Sprache oder das Soziale als ein vorgängiges, intentionales Subjekt personifiziert, das die Konstruktion als einen einseitigen Prozess bewirkt. Butler will Konstruktion nicht als einen einzelnen Akt oder einen kausalen Prozess verstanden wissen, der von einem Subjekt ausgeht und in bestimmten Wirkungen endet, sondern als einen zeitlichen Prozess, "der durch die Reiteration von Normen operiert" und "durch den sowohl 'Subjekte' wie 'Handlungen' überhaupt erst in Erscheinung treten." (dt. 32, engl. 9)

Butlers Buch Bodies That Matter liefert einen wichtigen Beitrag zur Klärung und Weiterentwicklung des Konzepts der Performativität von Geschlecht sowie zur Versachlichung der Debatte über die Materialität des Körpers und den Status des feministischen Subjekts. Daneben thematisiert sie das prekäre Verhältnis von gender und race in den filmischen und literarischen Werken von Judith Livingstone, Willa Cather und Nella Larsen. Die zentrale Frage aber, wie man von der reiterativen Konstruktion der Identität zur subversiven Resignifikation und Wiedereinschreibung dieser Identität gelangt, muss auch sie offen lassen (Nealon 1994).

Siehe auch: Iterabilität (D); Performativität (D); Materialität (D); Interpellation (D); Konstruktion (D); Genealogie (D); Körper (D); Subversion (D)

Literaturhinweise
•  Althusser, Louis (1977): "Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen für eine Untersuchung) [kommentiert (D)]"
•  Austin, John L. (1975): How to Do Things with Words [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1993): "Kontingente Grundlagen: Der Feminismus und die Frage der Postmoderne [kommentiert (D)]"






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