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Butler, Judith (1997): Excitable Speech. A Politics of the Performative [kommentiert (D)]. New York/London: Routledge [dt.: Haß spricht: Zur Politik des Performativen. Übers. aus dem Englischen von Kathrina Menke und Markus Krist. Berlin: Berlin Verlag 1998].



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Am Beispiel der juristisch-politischen 'Zensurdebatte' im Zusammenhang mit hate speech, schwul-lesbischem Coming-Out amerikanischer Militärangehöriger und pornographischen (Selbst-)Repräsentation, die in den USA Anfang der neunziger Jahre geführt wurde, analysiert Judith Butler in ihrem 1997 erschienenem Buch Excitable Speech das prekäre Verhältnis von Sprechen und Handeln, Sagen und Tun.

In der Tat zeigt sich, dass die Gerichte mit zweierlei Maß messen: Während das Verbrennen eines Kreuzes vor dem Haus einer schwarzen Familie durch das Grundrecht auf Redefreiheit und freie Meinungsäußerung geschützt ist, wird das Bekenntnis eines Armeeangehörigen zu seiner Homosexualität als Vollzug des sexuellen Aktes selbst interpretiert. Diese Einzelfälle demonstrieren, dass die Problematik performativer Sprechakte und die Frage nach dem Verhältnis von Rasse und Gender keine getrennten Antworten zulassen, sondern dass beide Felder vielmehr einander bedingen und sich gegenseitig voraussetzen.

Im Zuge ihrer ausführlichen Analysen entwickelt Butler ihre Überlegungen zur Performativität und offenen Temporalität von Sprechakten weiter, die sie bereits in Gender Trouble und Bodies That Matter aus unterschiedlichen Perspektiven exploriert hat. Den theoretischen Rahmen bildet auch hier wieder Foucaults Theorie der Macht, Austins Begriff des Performativen (wobei Butler jetzt auch Austins zweite, 'allgemeinere' Theorie der illokutionären und perlokutionären Akte miteinbezieht), Althussers Interpellation sowie Derridas Iterabilitätsbegriff und Bourdieus Konzeption des Sprechaktes als ein soziales Ritual. Während sich die ersten drei Kapitel mit konkreten juristischen Fällen befassen, skizziert Butler im letzten Kapitel "Implicit Censorship" eine Theorie der sozialen Iterabilität des Sprechaktes, die zwischen Derrida und Bourdieu zu vermitteln versucht.

Der Titel Excitable Speech verweist auf einen juristischen Terminus, mit dem "erregte Äußerungen", in der Regel Zeugenaussagen oder Geständnisse, bezeichnet werden, die vor Gericht nicht verwendet werden können, da sie unter Zwang oder in einer physisch-psychischen Ausnahmesituation gemacht worden sind. In der Tat ist es Butlers These, "daß das Sprechen sich stets in gewissem Sinne unserer Kontrolle entzieht" (15, dt. 29). Wir sind niemals vollständig 'Herr' unserer Äußerungen, weder der in diesen Äußerungen vollzogenen Handlungen (Illokutionen) noch der durch diese hervorgerufenen Wirkungen (Perlokutionen).

Das souveräne intentionale Subjekt ist eine Illusion. Als sprachliche und soziale Wesen sind wir immer schon in eine Sprache und eine Sprachgemeinschaft hineingeboren, deren Historizität eine Vergangenheit und Zukunft umfasst, "die diejenige des sprechenden Subjekts übersteigt" (46). Durch die Namen, die andere uns geben, werden wir adressiert und als soziale Subjekte konstituiert und/oder verworfen. Das heißt aber auch, dass wir durch Sprache verletzt und unseres Status als Subjekt beraubt werden können. Sprechen ist nur möglich, insofern wir die sedimentierten und ritualisierten Konvention der Sprache anrufen und im jeweiligen Sprechakt zitieren und aktualisieren.

Das Subjekt, das sich der performativen Kraft der Sprache z.B. im Rahmen von hate speech bedient, ist nicht deren Urheber, insofern es selbst durch diesen performativen Akt bzw. die vorausgehenden Interpellationen, durch die es inauguriert wird, konstituiert ist. Seine Verantwortung liegt nicht darin, Täter einer Handlung zu sein, darauf wird es erst durch das Gesetz reduziert, sondern gerade in der Zitathaftigkeit seines Sprechens, das die sedimentierten Bedeutungen eines verletzenden Namens mobilisiert: "Die Verantwortung ist also mit dem Sprechen als Wiederholung, nicht als Erschaffung verknüpft." (62) Butler geht zudem davon aus - teilweise in kritischer Distanz zu ihrer eigenen früher vertretenen Position -, dass eine performative Äußerung nicht immer und in gleichem Maße wirksam sein muss. Während der illokutionäre Sprechakt selbst die Tat ist, die er hervorbringt, führt der perlokutionäre Sprechakt lediglich zu bestimmten Effekten bzw. Wirkungen, die nicht mit dem Sprechakt zusammen fallen (11).

Butlers Buch Excitable Speech liefert einen wichtigen Beitrag zu den Fragen, wie das Verhältnis von Sprache als Handlung und als Repräsentation zu denken ist bzw. wie das Subjekt in und durch Sprache konstituiert wird. Allerdings tendiert Butler mit dem Rückgriff auf Austins Unterscheidung zwischen illokutionären und perlokutionären Sprechakten, die sie mit der Dimension des Performativen assoziiert, dazu, ihr eigenes Performativitätskonzept zugunsten politisch-strategischer Überlegungen aufzuweichen.

Siehe auch: Sprache (D); Macht (D); Interpellation (D); Iterabilität (D); Subjekt (D)

Literaturhinweise
•  Althusser, Louis (1977): "Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen für eine Untersuchung) [kommentiert (D)]"
•  Austin, John L. (1975): How to Do Things with Words [kommentiert (D)].
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]"






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