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Connell, Robert W. (1995): Masculinities [kommentiert (ST)]. Cambridge: Cambridge University Press.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Robert W. Connell ist ein international renommierter Geschlechterforscher. Auf dem Gebiet der lange Zeit vernachlässigten Männerforschung gilt er als ein Pionier. Bereits 1987 hat er in 'Gender and Power' das Geschlechterverhältnis mit dem Konzept der "hegemonialen Männlichkeit" hinsichtlich ungleicher Machtverhältnisse und Diskriminierungen untersucht. Im vorliegenden Buch hinterfragt er die Kategorie Männlichkeit als ein gesellschaftliches Konstrukt. Dazu liefert Connell eine historisch und theoretisch breit angelegte Analyse der (vorwiegend angelsächsischen) sozialwissenschaftlichen Literatur des 20. Jahrhunderts. In seinem grundlegenden Konzept spielen Macht, Arbeitsteilung und emotionale Bindungen als Strukturmuster eine zentrale Rolle. Bei seinen Analysen ist Connell stets bemüht, den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess selber als vergeschlechtlicht mitzureflektieren. Mit entsprechender Sorgfalt prüft er die unterschiedlichen, teilweise widerstreitenden wissenschaftlichen Konzepte hinsichtlich ihrer historischen und gegenwärtigen Relevanz.

Einleitend verweist Connell auf die historische Bedeutung der Psychologie der Männlichkeit als Ausgangspunkt des modernen Denkens von Geschlechtlichkeit. Er sieht es vor allem als ein Verdienst von Sigmund Freud, zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kategorie Geschlecht, als natürlich gegeben, radikal in Frage zu stellen und einen ersten Ansatz für die so-ziale Konstruiertheit von Geschlecht zu eröffnen. Doch bleibt dieses Konzept in der Wissenschaft, sowie in der psychologischen und psychiatrischen Praxis zunächst ungenutzt. Statt dessen kommt es zu einer Pathologisierung unerwünschter Verhaltensvielfalt durch Normierungen. Und diese normative Wissenschaftshegemonie verstärkt und konserviert unhinterfragt die geltenden rigiden Geschlechtsmuster für Jahrzehnte. Erst in den 50er und 60er Jahren werden biologisch reduktionistische, sowie andere, vorwiegend normativ orientierte Positionen zunehmend in Frage gestellt. Hier spürt Connell die Vorläufer der heutigen Geschlechter-forschung auf, hier setzt auch seine Kritik an. Er warnt vor voreiligen Schlüssen, denn Geschlecht ist für ihn das Resultat sozialer Evolution, ein gesellschaftliches Arrangement, das eng mit Macht- und Herrschaftsstrukturen des modernen Kapitalismus verbunden ist.
Geschlecht als Konzept, das Frau und Mann polarisiert, und die mit dieser Polarisierung verbundenen anachronistischen Machtasymmetrien sind für Connell eine Folge des Individualisierungsprozesses in der Moderne. Die gesellschaftliche stereotype Reduktion von Geschlecht auf ein rigides Binärschema entspricht bei näherer Untersuchung keineswegs dem tatsächlich vorfindbaren breiten Spektrum männlicher Identitäten. Es gibt viele Männlichkeiten, moderne Männlichkeit ist ein wandelbares gesellschaftliches Konstrukt. Auch für die Wissenschaft ist Männlichkeit kein kohärenter Gegenstand, sondern sie muss einer Pluralisierung von Beobachtungsperspektiven und Deutungsmustern Rechnung tragen. Frauen und Männer sind nicht TrägerInnen von Eigenschaften, sondern sie verwirklichen Konzepte von Geschlechtlichkeit, die nur komplementär sinnvoll untersucht und verstanden werden können.

An die wissenschaftliche Untersuchung von Männlichkeit(en) schließt Connell vier Unter-suchungen der Männlichkeitsdynamik an, in denen er verschiedene Muster von Männlichkeit, ihre Plausibilität, ihre Alternativen und ihren Bestand diskutiert. Anhand von Geschlechtsrollen-Erwartungen, Körperlichkeit, "abweichender Sexualität", der Verunsicherung durch soziale Bewegungen sowie der Brüchigkeit bestehender Rationalitätskonzepte stellt er immer wieder aufs neue das Konzept homogener Männlichkeitsmuster in Frage. Im dritten und letzten Teil behandelt Connell Männlichkeit im Kontext von Geschichte und Politik. Er spürt der Sozialgenese von Männlichkeit in den vergangenen Jahrhunderten nach sowie der politischen Thematisierung des Themas Männlichkeit. Dazu geht er auch den Hintergründen der Männerbewegung nach, dem Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt, sowie dem Medieninteresse an diesem Thema. Abschließend gibt Connell einen konstruktivistischen und handlungsorientierten Ausblick mit Verweis auf die enge Verbundenheit der politischen und intellektuellen Arbeit über Männlichkeit mit dem Projekt des Feminismus.

Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Macht (ST/RK); Struktur (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Connell, Robert W. (1987): Gender and Power. Society, the Person and Sexual Politics.






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