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Cornell, Drucilla (1996): "Enabling Paradoxes: Gender Difference and Systems Theory [kommentiert (ST)]", in: New Literary History 27 (2), 185-197.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de


Drucilla Cornell unternimmt in diesem Aufsatz den Versuch, zumindest als Resultat der heutigen "feminine observer", Geschlecht als ein soziales System zu beschreiben, wobei sie nicht explizit darlegt, ob als Funktionssystem der Gesellschaft oder als ein Subsystem (einfaches soziales System i. S. von Interaktion. Sie rekurriert auf Luhmanns Systemtheorie, insbesondere auf die Ausführungen zur Differenzlogik der Beobachtung in seinen Aufsatz "Deconstruction as Second-Order Observing". Darauf aufbauend versucht sie Luhmanns genuin soziologi-schen Ansatz durch die Verknüpfung mit Jacques Derridas "stratégie deconstructrice", Jacques Lacans psychoanalytisch-linguistischer Theorie des Unbewussten, sowie dessen Grundlage, Sigmund Freuds psychoanalytischer Deutung des Oedipus-Komplexes, zu einer komplexeren Beschreibung der Geschlechterdifferenz zu erweitern. Cornells zentrale Frage ist, wie es möglich ist, dass soziale Systeme sich selbst generieren und selbsttragend fortsetzen, d.h. Sinn generieren und ihre eigene Grenze herstellen und stabilisieren.

Problematisch an diesem Theoriemix ist die Heterogenität der unterschiedlichen Paradig-men, die die Frage nach deren Kompatibilität aufwirft. Zeigen Dekonstruktion und das konstruktivistische Paradigma der luhmannschen Systemtheorie noch etliche Berührungspunkte, so schließen sich Psychoanalyse und Systemtheorie insofern gegenseitig aus, als Luhmann von der prinzipiellen Unterscheidung zwischen psychischen Systemen (Gedanken) und sozialen Systemen (Kommunikation) ausgeht. Psychische Systeme bilden die Umwelt sozialer Systeme. Folglich kann die Geschlechterdifferenz systemtheoretisch nur in Form stereotyper Erwartungen als soziale Stereotype beobachtet werden. Psychische Aspekte der Geschlechterdifferenz können nur durch die strukturelle Kopplung psychischer und sozialer Systeme in die Sphäre des Sozialen "importiert" werden. Direkte kausale, psychosoziale Attributionsketten, beispielsweise vom Ödipuskomplex zum Gendersystem, sind systemtheoretisch hingegen unmöglich. Cornell 'zweckentfremdet' hochselektive Elemente der Systemtheorie und lässt damit den theoretischen Reflexionsgewinn der Denkfigur der sozialen "Konstruktion von Geschlecht" ungenutzt. Sie bindet die soziale Tatsache Gender an psychogenetisch erworbene Strukturen zurück und reproduziert damit leider genau die gendertheoretischen Stereotype, die es soziologisch zu hinterfragen gilt.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Sinn (ST); System/Umwelt (ST/RK); System, psychisches (ST); System, soziales (ST/RK); Zeichen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Hagemann-White, Carol (1993): "Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Methodische Konsequenzen aus einer theoretischen Einsicht [kommentiert (ST)]"
•  Kieserling, André (1995): "Konstruktion als interdisziplinärer Begriff. Zum Theorieprogramm der Geschlechterforschung [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1993): "Deconstruction as Second Order Observing"
•  Pasero, Ursula (1995): "Dethematisierung von Geschlecht [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1999): "Wahrnehmung ein Forschungsprogramm für die Gender Studies [kommentiert (ST)]"
•  Weinbach, Christine / Stichweh, Rudolf (2001): "Geschlechterdifferenz in der funktional-differenzierten Gesellschaft [kommentiert (ST)]"






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