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de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]", in: de Man, Paul: Allegories of Reading. Figural Language in Rousseau, Nietzsche, Rilke, and Proust. New Haven/London: Yale University Press, 119-134. [zuerst erschienen unter dem Titel "Action and Identity in Nietzsche"; dt.: "Rhetorik der Persuasion", in: Allegorien des Lesens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988, 164-178]



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Der Text "Rhetorik der Persuasion", der erstmals 1975 unter dem Titel "Action and Identity in Nietzsche" veröffentlicht wurde, enthält wichtige Überlegungen de Mans zu Rhetorik, Dekonstruktion sowie zum performativen Setzungscharakter der Sprache. Den Rahmen bildet die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Philosophie in Nietzsches Text, die zugleich als Frage nach der Möglichkeit und Unmöglichkeit der Dekonstruktion der Metaphysik formuliert wird.

Den Ausgangspunkt von de Mans nicht unumstrittener Nietzsche-Lektüre bildet ein Abschnitt aus dem Nachlass der späten 80er Jahre, in dem Nietzsche den Wert und die Gültigkeit des Identitätsprinzips und des Aristotelischen Satzes vom Widerspruch in Frage stellt und als normative Setzung zu entlarven versucht. Der Umstand, dass es uns misslingt, so Nietzsche, etwas zugleich zu bejahen und zu verneinen, ist nicht ein Ausdruck der Notwendigkeit, sondern vielmehr ein 'Nicht-Vermögen' und subjektiver Erfahrungssatz. Der Satz vom Widerspruch sagt uns nichts über die wirkliche Welt oder das Wesen der Dinge; vielmehr verweist er auf ein imperatives Sollen.

Kurz, die Sätze der Logik sind nicht konstativ, sondern performativ, positional und setzend. Das heißt jedoch nicht, dass jedes Sprechen und Sprache als solche immer ein Akt, ein Tun oder ein Sollen sind. De Man insistiert darauf, dass Nietzsches Text, obgleich er aktive Formen der Sprache gegenüber passiven zu privilegieren scheint, nicht als eine irreversible Passage von einer konstativen zu einer performativen Sprachkonzeption gelesen werden darf (dt. 171). Der Versuch, eine konstative durch eine performative Sprachkonzeption zu ersetzen, ist vielmehr eine Illusion, so de Man, die Nietzsche destruiert. Die Möglichkeit für Sprache, etwas auszuführen, ist ebenso fiktional wie die Möglichkeit der Sprache, etwas zu behaupten (dt. 174). De Man macht geltend, dass die Unterscheidung zwischen konstativer und performativer Sprache letztlich unentscheidbar ist und bei Nietzsche nicht zu der Favorisierung der einen gegenüber der anderen führt.

Das Denkmodell der Dekonstruktion, von der de Man sagt, dass sie nicht etwas ist, "das zu tun oder zu unterlassen unserer Entscheidung und unserem Willen überlassen wäre", sondern ebenso zwingend wie der Sprachgebrauch selbst ist (dt. 170), ist folglich die Aporie, eine prinzipielle Unentscheidbarkeit, "ein unbeherrschbares Oszillieren der Sprache" (Culler 1988) zwischen Setzen und Prädikation, zwischen performativer und konstativer Sprachfunktion.

De Man radikalisiert damit in prägnanter Weise Austins Einsicht, dass es letztlich unmöglich ist, eine klare Trennungslinie zwischen konstativen und performativen Äußerungen zu ziehen. Sprache ist immer zugleich konstativ und performativ, wobei es keine Möglichkeit gibt, zwischen diesen beiden Momenten endgültig zu entscheiden.

Siehe auch: Rhetorik (D); Aporie (D); Performativität (D); Dekonstruktion (D)

Literaturhinweise
•  Austin, John L. (1975): How to Do Things with Words [kommentiert (D)].
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Tropes (Nietzsche) [kommentiert (D)]"
•  Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift [kommentiert (D)].






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