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de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Tropes (Nietzsche) [kommentiert (D)]", in: de Man, Paul: Allegories of Reading. Figural Language in Rousseau, Nietzsche, Rilke, and Proust. New Haven/London: Yale University Press, 103-118. [zuerst erschienen als "Nietzsche's Theory of Rhetoric", in: Symposium. A quarterly journal in modern foreign literature 28, 1974, 33-45, anschließende Diskussion 45-52; dt.: "Rhetorik der Tropen (Nietzsche)", in: Allegorien des Lesens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988, 146-163]



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Wie im Artikel "Rhetorik der Persuasion" bildet die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Philosophie den Ausgangspunkt für de Mans Nietzsche-Lektüre. Ins Zentrum seiner Betrachtung stellt er Nietzsches Theorie der Rhetorik, wobei sich sein Interesse - im Fahrwasser der sprachphilosophisch inspirierten Nietzsche-Rezeption in Frankreich - weniger auf Nietzsches spezifische "Rede- und Überredungstechniken" richtet als auf die philosophischen und epistemologischen Implikationen von Nietzsches früher Beschäftigung mit der Rhetorik (dt. 147). Im Mittelpunkt steht also keine philologisch textgenaue Analyse (dies gilt für die meisten Lektüren de Mans), sondern der Versuch, den klassischen Rhetorikbegriff in die Literatur- und Philosophiegeschichte wieder einzuschreiben. De Man versucht zu zeigen, dass die Reflexion der rhetorischen Verfasstheit der Sprache - entgegen dem Anschein - in Nietzsches späteren Schriften keineswegs abnimmt; vielmehr organisiert sie als eine Art Subtext Nietzsches Epistemologie und Metaphysikkritik.

Für Nietzsche, so de Man, ist der Tropus "keine abgeleitete, marginale oder anormale Form der Sprache, sondern das linguistische Paradigma par excellence. Die figurative Struktur ist nicht ein Sprachmodus unter anderen, sondern sie zeichnet die Sprache insgesamt aus." (dt. 148) Nietzsche vollzieht eine radikale Umkehrung von literaler und figurativer Sprache: Die Autorität der Sprache gründet nicht länger in einer feststehenden Bedeutung oder einem außersprachlichen Referenten, sondern in den innersprachlichen Tropenbeständen.

De Man beruft sich auf Nietzsches Fragment über den "Phänomenalismus der 'inneren Welt'", in dem dieser von einer "chronologische[n] Umdrehung" spricht, "so daß die Ursache später ins Bewußtsein tritt, als die Wirkung." (KSA 13, 458) Der Tropus, der hier ins Spiel kommt, ist die Metalepse als die Umkehrung von Ursache und Wirkung, Vorher und Nachher, wobei de Man ausdrücklich den sprachlichen Charakter dieses Prozesses betont (dt. 151). De Man schließt daraus, dass der Schlüssel zu Nietzsches Metaphysikkritik im rhetorischen Modell des Tropus als einer substitutiven Umkehrung liegt, mit anderen Worten: "in der Literatur als der am ausdrücklichsten in Rhetorik gegründeten Sprache." (dt. 152) Für die Dekonstruktion der Metaphysik reicht es jedoch nicht, sich dessen bewusst zu werden, dass metaphysische Irrtümer auf rhetorischen Substitutionen beruhen. Tatsächlich ist es äußerst unwahrscheinlich, dass eine weitere Umkehrung die Dinge (wieder) an ihren eigentlichen Platz rücken würde.

Diese Einsicht sieht de Man in Nietzsches berühmter Schrift "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" am Werk, wo die selbstzerstörerische Weisheit des Textes - dass die unendliche Reflexion selbst eine rhetorische Form ist, unfähig dem rhetorischen Trug, den sie denunziert, zu entfliehen - gerade durch die endlose Wiederholung der Substitutionen suspendiert und aufgeschoben wird. Die rhetorische Figur, die Nietzsches Text und de Man zufolge sein gesamtes Werk strukturiert, ist die der ironischen Allegorie, die in einer endlosen Wiederholung "auf eine potentielle Verwirrung von figurativer und referentieller Aussage bezogen ist" (dt. 160).

Siehe auch: Rhetorik (D); Metalepse (D); Sprache (D); Referenz (D); Dekonstruktion (D)

Literaturhinweise
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]"






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