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de Man, Paul (1979): "Semiology and Rhetoric [kommentiert (D)]", in: de Man, Paul: Allegories of Reading. Figural Language in Rousseau, Nietzsche, Rilke, and Proust. New Haven/London: Yale University Press, 3-19. [dt.: "Rhetorik und Semiologie", in: Allegorien des Lesens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988, 31-51]



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

De Mans Ausgangspunkt in "Semiology and Rhetoric", dem Einleitungskapitel zu Allegories of Reading, ist die Kritik an der Vorstellung, dass Literatur nach einem Außen-Innen-Modell beschrieben und analysiert werden könne. Sowohl formalistische, immanente als auch pragmatische, referentielle Interpretationen stehen "unter der Ägide einer Innen/Außen-Metapher, die ihrerseits nie ernsthaft in Frage gestellt wird" (dt. 33).

Unterminiert wird dieses Modell jedoch durch die Spannung zwischen Rhetorik und Grammatik, die sich weder in einem binären, oppositionellen noch in einem kontinuierlichen Verhältnis zueinander befinden, sondern sich vielmehr wechselseitig bedingen und bestimmen. De Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Rhetorisierung (rhetorization) der Grammatik und der Grammatikalisierung (grammatization) der Rhetorik. De Mans berühmtes Beispiel für den ersten Fall ist Archie Bunkers rhetorische Frage "Was ist der Unterschied?", die zwei sich ausschließende Leseweisen zulässt: Literal gelesen affirmiert der Satz seinen illokutiven Modus als Frage nach dem Unterschied; figurativ, rhetorisch gelesen wird der illokutive Modus der Frage verneint und die Irrelevanz des Unterschieds behauptet.

Rhetorisierung bezeichnet hier nicht einfach die Koexistenz einer literalen und einer figurativen Bedeutung, sondern gerade die Unmöglichkeit, mit Hilfe rein sprachlicher oder grammatikalischer Kriterien, ohne Rückgriff auf eine außersprachliche Intention, zwischen beiden Bedeutungen zu entscheiden. In diesem Sinn ist Rhetorik "die radikale Suspendierung der Logik" und die Eröffnung "schwindelerregende[r] Möglichkeiten referentieller Verwirrung", die mit der Literatur als ausgezeichneter Diskursform gleichgesetzt werden kann. De Mans Interesse gilt vor allem der Diskrepanz zwischen dem, was ein Text tut oder 'praktiziert', d.h. seiner figurativ-performativen Praxis, und dem, was er sagt oder 'predigt', d.h. seiner metafigurativen Theorie (dt. 45).

Dem Vorwurf, dass jede rhetorische Lektüre selbst bereits eine Theorie der Tropen und Figuren voraussetzen muss, die sie in den Text projiziert, versucht de Man damit zu begegnen, dass er die dekonstruktive 'Tätigkeit' als eine rein innersprachliche Angelegenheit in den Text selbst verlegt: "Die Lektüre ist nicht 'unsere' Lektüre, sofern sie ausschließlich solche sprachlichen Elemente heranzieht, die der Text selbst darbietet; die Unterscheidung zwischen Autor und Leser ist einer jener falschen Unterscheidungen, die die Lektüre ausleuchtet. Die Dekonstruktion ist nichts, was wir dem Text hinzugefügt hätten, sondern sie ist es, die den Text allererst konstituiert." (dt. 48)

Auffällig ist der oft apodiktische Gestus, mit dem de Man seine 'Einsichten' formuliert, und die Absolutheit, mit der er Oppositionen aufstellt, um sie dann wieder zusammenstürzen zu lassen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass de Man nur das in den von ihm gelesenen Texten zu finden vermag, was er zuvor selbst 'hineingelegt' hat. Ungeachtet dieser Vorbehalte ist de Mans als einer der herausragenden Yale Critics in seiner Bedeutung für die Literaturtheorie und den dekonstruktiven Feminismus nicht zu unterschätzen.

Siehe auch: Rhetorik (D); Dekonstruktion (D); Referenz (D); Aporie (D); Lektüre (D); Text (D)

Literaturhinweise
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]"
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Tropes (Nietzsche) [kommentiert (D)]"
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]"






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