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Dupuy, Jean-Pierre / Varela, Francisco (1991): "Kreative Zirkelschlüsse: Zum Verständnis der Ursprünge [kommentiert (RK)]", in: Watzlawick, Paul / Krieg, Peter (Hg.): Das Auge des Betrachters. München: Piper, 247-275.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email:natascha.gruber@univie.ac.at

Dupuy und Varela versuchen in diesem Artikel ein epistemologisches Begründungsmodell für Ursprungstheorien zu entwickeln. Auf Fragen nach dem Ursprung, z.B. dem der Welt, des Lebens, der Dinge, wurden in der abendländischen Philosophie und Metaphysik onto-theologische Argumentationen entwickelt, die dem Prinzip des ausreichenden Grundes folgen: keine Wirkung ohne Ursache. Diese Kausalrelation führt regressiv zur Annahme einer Ursache, die Ursache ihrer selbst, Ursache und Wirkung in einem sein muss. Da die Annahme eines solchen 'Nullpunkts' in argumentative Zirkelschlüsse führt, setzt Derrida dieser Logik im Anschluss an Heidegger die kritische Methode der Dekonstruktion entgegen, wobei oben genannte Fragen jedoch unbeantwortet bleiben. Die Autoren sehen nun in der dekonstruktiven Methode anschlussfähige Parallelen zum wissenschaftlichen Konstruktivismus. Ihr Ziel ist es, eine Mittelposition zwischen metaphysischem Letztbegründungsanspruch und dekonstruktivistischer Auflösung zu finden. In diesem Zusammenhang ist für die Autoren die Dynamik der aktiven Rückbezüglichkeit bzw. Selbstreferentialität von zentralem Interesse. In dieser Dynamik ist ein Netzwerk von Komponenten in einer dynamisch-zirkulären Schleife verbunden, wobei nach einer bestimmen Anzahl von Durchläufen aus den Komponenten eine neue Ebene mit Eigenschaften emergieren kann, die ursprünglich nicht in den Komponenten enthalten waren.

Die Eigenschaften der neue Ebene können einerseits nicht auf die Summe ihrer Einzelteile reduziert werden, bleiben aber andererseits auf diese als ihre Produktionsbedingungen verwiesen. Diesen Mechanismus bezeichnen die Autoren als "paradoxe Schleife" zwischen zwei Ebenen, die zwar hierarchisch erscheinen, aber in ihrer wechselseitig-kausalen Verbundenheit voneinander abhängig sind. Die Dynamik der aktiven Rückbezüglichkeit, so die Autoren, sei der zentrale Kern für das Verständnis von Ursprungsmechanismen. "Um das Programm durchzuführen, muss es schon durchgeführt sein!" (251). Dupuy und Varela verdeutlichen diese Logik anhand des Begriffs der Autopoiese, der innerhalb der Molekular- und Zellbiologie die fundamentale Dynamik der Selbsterzeugung beschreibt.

Den onto-theologischen Argumentationen, die einen exogenen Bezugs- oder Fixpunkt als erstes Prinzip ansetzen (z.B. Gott, "unbewegter Beweger" bei Aristoteles), welches unveränderlich und unbegründbar ist, halten die Autoren den Mechanismus der Erzeugung aus endogener Dynamik ('aus sich selbst heraus')entgegen. Denn exogene, äußere Fixpunkte, so die Autoren, können nur durch die "Logik des Supplements" aufrecht erhalten werden, d.h. durch die Ergänzung jener Ordnung und Begriffe, die sie hervorbringen und die hierarchisch sekundär erscheinen. An dieser Stelle berufen sich die Autoren auf die derridasche Methode der Dekonstruktion und sehen in der Logik der Ergänzung das wichtigste Hilfsmittel, "um jeglichen Anspruch auf autonome Begründung und Autarkie zu widerlegen" (253). In der Methode der Dekonstruktion sehen die Autoren jedoch auch die Gefahr, in ein anderes Extrem zu fallen - in den Nihilismus, d.h. in die Negation von onto-theologischen Prinzipien bzw. von jeglichem Begründungsanspruch. Die Pointe: Die Autoren stellen die Logik der Ergänzung als kybernetischen, zirkulär-kausalen Regelkreislauf dar. Aus der daraus folgenden Dynamik der geschlossenen Kausalität kann die Emergenz endogener Prinzipien, die endogene Fixpunkte hervorbringen, beschrieben werden. An zahlreichen Beispielen aus der Mikrobiologie, Evolutionstheorie und Kognitionstheorie sowie anhand von Fallstudien des Anthropologen Rene Girard zur Entstehung von Religionen und Kulturen oder der Geldwerttheorie von André Orléans versuchen die Autoren, ihr Theorem zu exemplifizieren.








Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Rekursion (RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Beobachtung (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Kognition (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Benhabib, Seyla / Butler, Judith / Cornell, Drucilla / Fraser, Nancy (1993): Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart [kommentiert (D)].
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]"
•  Varela, Francisco / Thompson, Evan / Rosch, Eleanor (1991): The Embodied Mind. Cognitive Science And Human Experience.

Externe Links
•  Kreativer Zirkel





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