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Derrida, Jacques (1986): "Sporen. Die Stile Nietzsches [kommentiert (D)]", in: Hamacher, Werner (Hg.): Nietzsche aus Frankreich. Übers. von Richard Schwaderer, überarb. von Werner Hamacher. Frankfurt a. M./Berlin: Ullstein, 129-168. [frz.: "Éperons. Les styles de Nietzsche", in: 'Nietzsche aujourd'hui?', 10/18, Paris 1973; zweisprachige Ausg. franz./engl.: Spurs. Nietzsche's Styles / Éperons. Les Styles de Nietzsche. Introduction by Stefano Agosti, trans. by Barbara Harlow. Chicago/London: Univ. of Chicago Press 1979].

Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

In diesem Text, der im Juli 1972 auf einem Nietzsche-Kolloquium in Cherisy-la-Salle vorgetragen wurde, geht Derrida erstmals der Frage der Geschlechterdifferenz und dem Problem des Weiblichen bei Nietzsche nach, wobei er auch auf Heideggers Nietzsche-Lektüre zurückgreift. Derridas Text beginnt mit folgender Ankündigung: "[D]ie Frau wird mein Sujet, mein Subjekt sein" (131). Gegen Ende des Texts kehrt Derrida seine Worte ins Gegenteil, was den Text gleichsam als Widerspruch einklammert: "die Frau wird also nicht mein Sujet gewesen sein" (158). Was der Titel des Vortrags gewesen sein wird, so Derrida, ist die "Frage des Stils" (131). Eng verknüpft mit dieser Frage und dem schon/nicht-Subjekt-sein der Frau ist die Frage (nach) der Wahrheit.

Derridas Nachdenken über die Stile Nietzsches als "Wechselspiel zwischen dem Stil und der Frau" (132) beginnt über eine teils etymologische und für seinen Denkstil signifikante Zerstreuung des Begriffsfelds des Stils. Aus der Frage des Stils bzw. aus dem, was die Frage selbst bedeutet, werden Stile, Sporen, Sporne, Spuren, Federn - Termini, die Derrida auch auf ihre geschlechtlich konnotierte Metaphorik hin entfaltet. Der Sporn zum Beispiel ist der Felsvorsprung beim Hafen, an dem sich die Wogen des Meeres brechen und der die feindliche Oberfläche spaltet, der Stil erinnert an ein Stilett, einen kleinen, scharfen Dolch oder auch an eine Feder. "Wenn der Stil der Mann wäre (wie der Penis nach Freud 'der normale Prototyp des Fetisch'), dann würde die Frau die Schrift sein." (137) Die Vervielfältigung der Stile deutet auf eine Vervielfältigung der Geschlechter hin, 'zerstreut' die Opposition Mann/Frau - jedoch primär über die Vielfältigkeit der Frau, die bei Nietzsche nur über doppelbödige Stile beschrieben werden kann, wie Parodie, Ironie, Spott.

Dem Stil kommt hinsichtlich seiner Relation zum Phallus eine exemplarische Qualität zu. Die Frage des Stils, der Wahrheit, so Derrida, ist untrennbar mit der Frage der Frau verbunden. Nietzsche fasst die Wahrheit als Frau, als die verhüllende Bewegung der weiblichen Scham. "Die 'Wahrheit' wäre also nur eine Oberfläche, sie würde erst tiefe, nackte, begehrenswerte Wahrheit durch den Effekt eines Schleiers: der über sie fällt." (138) Doch Wahrheit ist in Derridas Nietzsche-Lektüre das, was sich nicht einnehmen lässt, also auch nicht "eilfertig mit Weiblichkeit, Weiblichkeit des Weibes, weiblicher Sexualität und anderen essentialisierenden Fetischen übersetzt werden darf" (137). Die Wahrheit ist, dass es die Wahrheit nicht gibt, wie Derrida mit Nietzsche gelesen werden könnte, was zugleich Derridas eigenen Schreibstil unterstreicht: Die Stimmen von Nietzsche und Derrida verschwimmen, oft wird nicht deutlich, 'wer spricht', welche 'Autoridentität' gerade am Zug ist.

Derrida tut, was er beschreibt, er verschiebt Identitäten, Oppositionen und Zentren. Dafür steht ihm in diesem Text die Frau Modell. Die Frau entzieht sich der Opposition des Wahren und des Falschen, denn "es gibt kein Wesen der Frau [...]. Es gibt keine Wahrheit der Frau [...]. Frau ist ein Name dieser Nicht-Wahrheit der Wahrheit." (136f.) So wenig wie es die Wahrheit der Frau gibt, so wenig gibt es das An-sich-Sein der Frauen und deren Frau-Sein. Derrida deontologisiert sowohl den Begriff Frau als auch den Geschlechtsunterschied, denn es geht nicht (auch bei Nietzsche nicht) um eine traditionelle Oppositionsbildung von Mann und Frau, auch nicht um eine Wesenhaftigkeit der Frau, sondern um deren Wirkung - um die Wirkung der Frauen im Plural. Nietzsche sieht die Frauen in vielen Gestalten, was zu zeigen - bei aller Kritik an Nietzsches als 'misogyn' interpretierten Äußerungen - Derrida ein Anliegen ist.

Die Sporen sind einer der kontroversen Angelpunkte feministischer Rezeption (siehe Menke, Cornell, Weigel, Klinger). Der Tenor der Kritik betrifft die Vereinnahmung und Aneignung der 'Frau' durch die Dekonstruktion als Modell für das Dazwischen und als Metapher für die Wahrheit, die es nicht gibt.

Siehe auch: Dekonstruktion (D); Schrift (D); Lektüre (D); Dissemination (D); Essentialismuskritik (D)

Literaturhinweise
•  Derrida, Jacques (1998): "Choreographien. Gespräch mit Christie McDonald [kommentiert (D)]"
•  Menke, Bettine (1995): "Dekonstruktion der Geschlechteropposition das Denken der Geschlechterdifferenz. Derrida [kommentiert (D)]"
•  Spivak, Gayatri Chakravorty (1992): "Verschiebung und der Diskurs der Frau [kommentiert (D)]"






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