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Althusser, Louis (1977): "Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen für eine Untersuchung) [kommentiert (D)]", in: Althusser, Louis (Hg.): Ideologie und ideologische Staatsapparate: Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg/Berlin: VSA, 108-153.



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

In diesem kurzen, 1969 geschriebenen Essay entwickelt Althusser (1918-1990) seine Konzeption von Ideologie als Interpellation bzw. Anrufung von Subjekten. Nach Althusser ist die Ideologie keine imaginäre, verzerrte Vorstellung der Welt, hinter der sich die wirkliche Welt finden ließe; vielmehr repräsentiert jede Ideologie das (imaginäre) Verhältnis der Individuen zu den realen Existenzbedingungen und Produktionsverhältnissen, unter denen sie leben (135f.). Zugleich besitzt die Ideologie eine materielle Existenz in den ideologischen Staatsapparaten, ihren geregelten Praktiken und Ritualen. Althusser weist damit die in seinen Augen selbst ideologische (humanistische) Vorstellung eines Subjekts zurück, das mit einem Bewusstsein ausgestattet ist und entsprechend seinen Ideen handelt. Einen Satz Pascals reformulierend - "Knie nieder, bewege die Lippen zum Gebet, und Du wirst glauben!" -, argumentiert Althusser, dass das Subjekt, das mit vollem Bewusstsein seinem Glauben entsprechend handelt, ein Produkt der Ideologie und der ideologischen Staatsapparate ist (139). Ideologie hat die Funktion, "konkrete Individuen zu Subjekten zu 'konstituieren'" (140).

Damit ist Althussers Subjekt dem Lacanschen Subjekt sehr viel näher als dem Marxschen: Der Eintritt in die symbolische Ordnung und die Konstitution des Subjekts sind das Werk der Ideologie (Barker 2000, 56). Die Operation, derer sich die Ideologie dabei 'bedient', ist die Interpellation. Althusser versteht Interpellation als die Anrufung eines Individuums und konkret als das Verfahren, durch das die Ideologie - kraft der ideologischen Staatsapparate (Kirche, Familie, Polizei, Schule, Medien, politische Parteien etc.) und ihrer autorisierten Sprecher (Pfarrer, Richter, Polizist, Lehrer etc.) - Individuen zu Subjekten 'transformiert' und ihnen ihre Subjektpositionen zuweist.

Althusser vergleicht dieses Verfahren mit dem Ruf des Polizisten "He, Sie da!" auf der Straße. Das angerufene Individuum, das sich umwendet, wird durch diese Wendung um 180 Grad zum Subjekt, "[w]eil es damit anerkennt, dass der Anruf 'genau' ihm galt" (142f.). Allerdings ist dieses kausal-temporale Erklärungsmodell selbst noch irreführend: Als konkrete Individuen sind wir immer schon Subjekte und als solche praktizieren wir ununterbrochen "ideologische An- und Wiedererkennungsrituale", die uns garantieren, dass wir konkrete, individuelle und unersetzbare Subjekte sind und bleiben (141f.). Selbst das ungeborene Kind muss zu dem sexuellen Subjekt, Junge oder Mädchen, werden, das es immer schon ist (144).

Als paradigmatisches Beispiel für die "Inszenierung der Anrufung" und ihre spiegelbildliche Struktur nennt Althusser die christliche religiöse Ideologie. Voraussetzung für das Funktionieren der Ideologie und der Interpellation der Individuen als Subjekte ist die 'Existenz' eines anderen, absoluten Subjekts (z.B. Gott), um das jede Ideologie zentriert ist. Die Konsequenz ist die doppelte Spiegelstruktur der Ideologie, die zugleich ihre Funktionsweise gewährleistet: 1. die Interpellation der 'Individuen' als Subjekte; 2. ihre Unterwerfung unter das absolute Subjekt; 3. die wechselseitige An-/Wiedererkennung zwischen den Subjekten und dem absoluten Subjekt sowie der Subjekte untereinander; 4. die Garantie, dass alles gut gehen wird, solange die Subjekte nur wiedererkennen, was sie sind, und sich dementsprechend verhalten (148f.).

Althussers Konzept der Interpellation hat u.a. in den Theorien des Performativen von Zizek und Butler Resonanz gefunden. Hier ist vor allem an die Akte der Taufe und der Namensgebung zu denken ("Es ist ein Mädchen!"), durch die ein menschliches Wesen als geschlechtliches Subjekt konstituiert und festgeschrieben wird. Butler kritisiert jedoch, dass Althussers Interpellation die Figur einer souveränen göttlichen Stimme annimmt, deren Wirksamkeit sich auf den Augenblick ihrer Äußerung reduziert und die keine Möglichkeiten des Widerstands und der Reartikulation offen lässt.

Siehe auch: Performativität (D); Subjekt (D); Subversion (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1993): Bodies that Matter. On the Discursive Limits of "Sex" [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1997): Excitable Speech. A Politics of the Performative [kommentiert (D)].
•  de Lauretis, Teresa (1987): Technologies of Gender. Essays on Theory, Film, and Fiction [kommentiert (D)].






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