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Derrida, Jacques (1994): "Das Gesetz der Gattung [kommentiert (D)]", in: Derrida, Jacques: Gestade. Wien: Passagen, 245-284. [erstmals veröffentlicht unter dem Titel "La loi du genre/The law of genre", in: Glyph 7, 1980, 176-201; wiederabgedruckt in: Derrida, Jacques: Parages. Paris: Galilée 1986]

Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Derridas Vortrag "Das Gesetz der Gattung", gehalten 1979 auf einem Kolloquium über Die Gattung in Straßburg und später als Teil einer Serie von Essays zu Maurice Blanchot veröffentlicht (Parages), beginnt mit einem unentscheidbar zwischen dem Konstativen und dem Performativen verharrenden Sprechakt: "Die Gattungen nicht vermischen." Derrida evoziert das Gesetz der Gattung, das sein Gegengesetz in der Unmöglichkeit, die Gattungen nicht zu vermischen, immer schon in sich trägt, und dessen Gesetz folglich ein Gesetz der Unreinheit, eine Ökonomie des Parasitären ist.

Das Argument, das den Text durchzieht, ist kunstvoll gestaltet und wird dadurch gleichsam 'lesbar': Texte können zu keiner Gattung gehören, sie haben Teil an einer oder mehreren Gattungen, jeder Text ist in gewisser Weise eine Gattung, die Teilhabe bedeutet jedoch keine Zugehörigkeit (252). Gattungen differieren fortwährend zu sich selbst. Gerade aber die Unmöglichkeit, die 'Reinheit' der Genres zu gewährleisten, führt zu einer Vielfalt von Genres.

Derridas maßgeblicher Referenztext ist Maurice Blanchots La folie du jour, von dem Derrida "nicht sagen wird", welcher Gattung er angehört, vielmehr wird er ihn bei seinem Namen Der Wahnsinn des Tages nennen (261). Er wird deshalb nicht sagen, was der Text für eine Gattung ist (eine paradoxe Ausdruckweise Derridas, die er auch in Sporen prominent einsetzt: "die Frau wird nicht mein Subjekt gewesen sein"), weil sich das Genre immer schon über Normen und Ausschlüsse konstituiert; es verweist auf bestimmte Positionen und zeigt Grenzen auf.

Das Gesetz der Gattung bildet eine kontrollierende Instanz für Fragen der Zeugung (engendrement), der Genealogie, der Generationen, der Degeneration und gilt im selben Maße für die Geschlechterdifferenz: "Die Frage der literarischen Gattung ist keine formale Frage: sie verschränkt sich mit dem Motiv des Gesetzes überhaupt" und "der sexuellen Differenz zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht (genre)" (273). Der Begriff Genre evoziert aufgrund der semantischen Nähe unvermeidlich gender. Das Geschlecht folgt demselben Gesetz wie die Gattung.

Am Ende von Derridas Essays verschmelzen nicht nur die Stimmen Derridas und Blanchots, oder präziser, die Stimme Derridas mit der Stimme des 'ich' in Blanchots Text. Derrida spricht doppelt hybridisiert, als Blanchot und als "Frau" ("ich bin Frau"). Das Gesetz (la loi) ist verrückt nach ihm "(folle de 'moi')", das Gesetz ist "wahnsinnig". Über die vielen Wendungen, die Derridas Text (auch als 'Genre') durchziehen, bringt Derrida den "Wahnsinn der Gattung" an den Tag. (282) Es fällt nicht schwer, ein Hauptanliegen Derridas aus dem Text herauszulesen, nämlich das Vermischen der Geschlechter und Genres - die Gattungen vermischen.

Siehe auch: Gattung/Genre (D); Autobiografie (D); Hybridität (D); Aporie (D)

Literaturhinweise
•  Babka, Anna (1996): Ingeborg Bachmann in Frankreich. Zur Rezeption von Werk und Person.
•  de Man, Paul (1984): "Autobiography as De-facement [kommentiert (D)]"
•  Spivak, Gayatri Chakravorty (1992): "Verschiebung und der Diskurs der Frau [kommentiert (D)]"






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