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Derrida, Jacques (1998): "Choreographien. Gespräch mit Christie McDonald [kommentiert (D)]", in: Derrida, Jacques: Auslassungspunkte. Gespräche. Wien: Passagen, 99-118. [engl.: "Choreographies", in: McDonald, Christie (ed.): The Ear of the Other. Nebraska: University of Nebraska Press 1985, 163-186; erstmals veröffentlicht in: Diacritics 12 (Summer), 1982, 66-76]

Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Ausgehend von einem Zitat der 'anarchistischen' Feministin Emma Goldmann - "wenn ich nicht tanzen darf, will ich nicht an eurer Revolution beteiligt sein" - geht es in den Choreographien sogleich in medias res. Christie McDonalds Auseinandersetzung mit Derrida läuft auf die Frage hinaus, wie das feministische Projekt als emanzipatorisches und politisches mit der Dekonstruktion vereinbart werden kann, wenn es für die Dekonstruktion weder eine Wahrheit noch eine Essenz des 'Weiblichen' und der 'Frau' gibt. McDonald bezieht sich dabei auf Derridas Sporen. Die Stile Nietzsches - ein innerhalb der feministischen Kritik zentraler und kontrovers diskutierter Text. Auf McDonalds Frage, wie Derrida denn einen 'Ort der Frau' beschreiben würde, antwortet er "improvisierend" mit einer Gegenfrage: "Warum müßte es einen Ort für die Frau geben? Und warum einen, einen einzigen, einen ganz wesentlichen?" (103) Obgleich dieser Gedanke weder feministisch noch antifeministisch ist, so ist er doch in einer bestimmten Weise affirmativ hinsichtlich des Begriffs 'Frau'. Derrida proklamiert "ein neues 'Denken' der Frau" bzw. "einen neuen Schritt der Frau", der nicht der Frage des Orts unterworfen sein sollte, sondern genau dieses Denken des Ortes und der abendländischen Metaphysik hinter sich lassen würde, um anders zu tanzen (vgl. 203).

Über die Metapher des Tanzes diskutiert Derrida auch die Möglichkeiten feministischer Handlungsfähigkeit. Der Revolution muss der Tanz, die Zeit des Tanzes zugestanden werden. Hierin liegt die Chance der "Atopie", der Ortlosigkeit und der "Verrücktheit des Tanzes" (104), die jedoch auch eine Gefahr für das politische Projekt impliziert. In diesem Sinne ist es manchmal notwendig, an metaphysischen Annahmen festzuhalten, um sie dann später, an einem anderen Ort, zu revidieren, da diese Annahmen einem System angehören, das man "in der Praxis gerade dekonstruiert" (106).

Im Laufe des Gesprächs diskutieren McDonald und Derrida auch einige der Philosophen, die für Derridas 'Begriff' der Frau maßgeblich gewesen sind, wie z.B. Nietzsche. Derrida 'verteidigt' seine Lektüre von Nietzsches misogynen und antifeministischen Aussagen in Sporen unter Verweis auf die Vielfältigkeit (im literalen Sinn) und die gesamte Bewegung in Nietzsches Argumentation, auf die Stil-, Sporen- und Schirmformen sowie die "bisexuellen Verwicklungen dieser und anderer Formen" (105).

Am Ende des Gesprächs kommt McDonald auf den Tanz, auf die Choreographie des Tanzes zurück und sucht nach Möglichkeiten, den 'Begriff' der Frau ausgehend von der sexuellen Differenz zu denken (115). Derrida bezweifelt, dass ein "monologischer Diskurs", d.h. ein Diskurs "mit einer einzigen Stimme", zu einem solchen Begriff kommen könnte, womit er zugleich auf die Dekonstruktion des Begriffs Begriff selbst verweist. Derrida betont, dass er gerne an die Vielfalt sexuell markierter Stimmen glauben würde, "an die unbestimmbare Zahl ineinander verschlungener Stimmen, an die treibende Kraft nicht identifizierbarer sexueller Markierungen, deren Choreographien in der Lage sind, den Körper jedes einzelnen 'Individuums' mitzureißen, ihn zu durchdringen, zu teilen und zu vervielfältigen, egal ob dieses Individuum nach den üblichen Kriterien als 'Mann' oder 'Frau' klassifiziert wird." (116) "Das Verlangen", wie Derrida abschließend bemerkt, "unberechenbare Choreographien zu erfinden, bleibt" (117).

Siehe auch: Alterität (D); Identität (D); Différance (D); Hybridität (D)

Literaturhinweise
•  Derrida, Jacques (1986): "Sporen. Die Stile Nietzsches [kommentiert (D)]"
•  Elam, Diane (1994): Feminism and Deconstruction: Ms. en abyme [kommentiert (D)].






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