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Elam, Diane (1994): Feminism and Deconstruction: Ms. en abyme [kommentiert (D)]. London/New York: Routledge.



Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Diane Elams Text ist die bislang einzige Monographie zum Thema Feminismus und Dekonstruktion. Elam betont die Relevanz des Unternehmens, beide Bewegungen nebeneinander zu stellen und ihre Verbindungslinien herauszuarbeiten, seien sie disziplinärer oder theoretischer Natur. Dabei unterstreicht der Terminus "Bewegung", dass sich sowohl Feminismus als auch Dekonstruktion einer einheitlichen Definition entziehen (8). Bedeutsam scheint ihr, den Feminismus nicht geteilt als 'akademisch' oder 'praktisch' zu definieren, sondern immer auch als ein philosophisches Projekt. Ebenso ist die Dekonstruktion nicht allein ein akademisches, sondern sehr wohl auch ein praktisches Unternehmen, das die "schizophrene Komplexität zeitgenössischer Erfahrungen von Zeit und Repräsentation" (2) zu denken hilft.

Themen des Buches sind unter anderem die Fragen, wie die Materialität der Körper gedacht werden kann ("Linguistic or material girl?"), ob und wie gender von sex unterschieden werden kann ("Gender or sex?"), auf welche Art und Weise im Lichte postmoderner, dekonstruktivistischer Theorien politisch/ethisch gedacht und gehandelt werden kann ("To be negotiated: the politics of the undecidable"). All diese Themen fundiert und perspektiviert Elam unter Rückgriff auf die existierende Literatur, was das Buch auch als Überblicksdarstellung lesenswert macht. Elams Anliegen und Vorgehensweise bestehen darin, differenzierte Anstöße zur Debatte zu liefern, nicht aber eine Methode oder griffige Anleitungen zur feministischen Kritik bereitzustellen. Ihr Zugang zu den Diskursen, die sie analysiert, ist ebenso kritisch wie affirmativ, wobei sie auch die Grenzen und Möglichkeiten ihrer eigenen Sprache reflektiert.

Zentral für ihr Denken ist die Überzeugung, dass die vollständige, definite Repräsentation von Frauen nicht möglich ist. Sie sieht die Kategorie Frauen als eine offene, ohne den Wert der 'Frauengeschichte' gering zu achten. Der Untertitel ihres Buches ms. en abyme (dt.: "In-Abgrund-Setzung") verweist auf ihre Konzeption von Frau und Weiblichkeit als kontingente Begriffe. Sie benutzt den endlosen Aufschub, die mise en abyme und deren Nähe zum 'Abgrund', um die Unmöglichkeit und die 'unendlichen' Möglichkeiten einer Definition, Kategorisierung oder Festschreibung von 'Frau' zu demonstrieren. Der Begriff der mise en abyme problematisiert dichotome Konstruktionen, wie die von Subjekt und Objekt, die von ihr als fließend und wechselhaft beschrieben werden. "Hence the ms. en abyme - the infinite displacement brought about by feminism and deconstruction: the displacement of the subject, of identity politics, of the subject of feminism and deconstruction." (25)

Folglich sieht Elam eher Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Feminismus und Dekonstruktion - auch in politischer Hinsicht. Obgleich die Dekonstruktion die Begrifflichkeiten der Politik 'hinterfragt', so negiert sie diese doch nicht. Genau das verbindet sie mit der feministischen Verweigerung, "to accept the terms within and by which politics is conventionally practiced." (67) Würde sich der Feminismus allein auf die Affirmation weiblicher Identität konzentrieren, so wäre er letztlich 'imperialistisch'. An den vielbeschworenen 'Tod' der Dekonstruktion glaubt sie nicht; sie verweist aber auf ihre Grenzen als interpretative Methode innerhalb der Literaturwissenschaften sowie auf die Gefahr, die von einem falsch verstandenen elitären und institutionalisierten Dekonstruktivismus ausgeht.

Siehe auch: Dekonstruktion (D); Identität (D); Différance (D); Essentialismuskritik (D); Materialität (D); Aporie (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Derrida, Jacques (1986): "Sporen. Die Stile Nietzsches [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1998): "Choreographien. Gespräch mit Christie McDonald [kommentiert (D)]"






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