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Felman, Shoshana (1983): The Literary Speech Act. Don Juan with J. L. Austin, or Seduction in Two Languages [kommentiert (D)]. Transl. by Catherine Porter. Ithaca, N.Y.: Cornell University Press [franz.: Le Scandale du corps parlant. Paris: Seuil 1980].



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Felmans Buch Le scandale du corps parlant, das nur in englischer Übersetzung vorliegt, verbindet auf überzeugende Weise Austins Sprechakttheorie mit der Psychoanalyse Lacans und der dekonstruktiven Literaturtheorie im Anschluss an Paul de Man und Jacques Derrida. Felman schließt damit eine wichtige Rezeptionslücke zwischen dem französischen Poststrukturalismus und der anglo-amerikanischen Sprach- und Literaturtheorie.

Ausgangspunkt bildet die Lektüre von Moliéres Don Juan im Spiegel Austins, dem Felman - aufgrund des vorläufigen, selbstironischen und offenen Stils seiner Texte - selbst einen Hang zum Don-Juanismus unterstellt. Von Derrida übernimmt sie die Idee, dass die Möglichkeit des Scheiterns oder Fehlschlagens performativer Äußerungen nicht eine zufälliges Ereignis ist, dass der Sprache von Außen widerfährt, sondern eine 'notwendige Möglichkeit' darstellt, die jedem performativen Sprechakt inhärent ist und ihn konstituiert (66). Den performativen Sprechakt par excellence bildet dabei das (nicht gehaltene) Heiratsversprechen (Don Juans), sofern es als das Versprechen von Kontinuität und Konstanz (35) die stabile und dauerhafte Verbindung zwischen der Intention und dem Akt postuliert (51), während es zugleich das notwendig konstative, referentielle Moment in jedem Sprechakt unterstreicht, ohne das kein Performativum möglich wäre.

Dabei interpretiert Felman -Paul de Man folgend - die Begriffe constative und performative nicht nur als Attribute sprachlicher Äußerungen, sondern als Begriffe, die paradigmatisch für eine bestimmte Sprachauffassung stehen, d.h. für eine konstativ-kognitive Konzeption der Sprache einerseits und eine performative Konzeption der Sprache andererseits (27). Konstative Sprache ist vor allem ein Mittel zur Kommunikation - und zwar von Wahrheit und Wissen. Dagegen ist in einer performativen Sprachkonzeption Sprechen keineswegs gleichbedeutend mit Wissen, sondern mit Tun. In psychoanalytischen Termini ausgedrückt gehören die konstativen Äußerungen einer Ordnung der Bedeutung und einem Register des Wissens an, während die performativen Äußerungen auf eine Ordnung des Akts und ein Register der Lust verweisen.

Auch wenn Felman nicht ausdrücklich auf die sexuelle Differenz zu sprechen kommt, so durchzieht doch diese Frage implizit ihren ganzen Text. In der Tat ist es gerade Don Juan, der nach Felman die väterliche Logik der Identität dekonstruiert, und zwar durch die endlose, unaufhörliche Erneuerung und Wiederholung nicht gehaltener Versprechen (39). Durch ihre transdisziplinäre Durchdringung und Koppelung von Psychoanalyse und Sprechakttheorie leistet Felman einen entscheidenden Beitrag zu der performativen Reformulierung geschlechtlicher Identitäten, wie sie u.a. bei Butler weiterentwickelt wird.

Siehe auch: Sprache (D); Identität (D); Subjekt (D); Referenz (D); Materialität (D); Performativität (D)

Literaturhinweise
•  Austin, John L. (1975): How to Do Things with Words [kommentiert (D)].
•  Benveniste, Émile (1974): "Die analytische Philosophie und die Sprache [kommentiert (D)]"
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]"






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