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Austin, John L. (1975): How to Do Things with Words [kommentiert (D)]. Ed. by J. O. Urmson and Marina Sbisà. Second edition. Cambridge, Mass.: Harvard University Press [präsentiert 1955 als William James Lectures in Harvard; dt.: Zur Theorie der Sprechakte. Deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny. 2. Aufl. Stuttgart: Reclam 1979].



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

John L. Austins (1911-1960) 1955 in Harvard als William James Lecture präsentierte Vorlesung How to Do Things with Words legt den Grundstein zu dem, was später unter dem Titel performative oder pragmatische Wende in den Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaften firmieren wird. Ausgehend von der Beobachtung, dass wir mit unseren Äußerungen nicht nur bestehende Sachverhalte behaupten und beschreiben, sondern dass wir, indem wir eine Äußerung machen, vor allem etwas tun, führt Austin die Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen ein. Konstative Äußerungen oder Sätze, wie z.B. "Die Katze sitzt auf der Matte", "Es regnet", "Er versprach zu kommen", sind Aussagen oder Feststellungen, die einen Sachverhalt beschreiben oder eine Tatsache behaupten. Sie sind entweder wahr oder falsch. Dagegen scheinen performative Äußerungen, wie z.B. "Ich verspreche morgen zu kommen", "Ich erkläre die Sitzung für eröffnet", nicht wahrheitsfunktional zu sein. Mit der performativen Äußerung wird kein bestehender Sachverhalt beschrieben, berichtet oder festgestellt, vielmehr wird mit der Äußerung eine Handlung vollzogen und ein neuer 'Tatbestand' geschaffen. Die Besonderheit performativer Äußerungen besteht in ihrem Handlungs- oder Aktcharakter. Die performative Äußerung ist der Vollzug der Handlung selbst. Sie kann gelingen oder missglücken.

Die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit eine performative Äußerung gelingen kann, untersucht und klassifiziert Austin im Rahmen seiner Theorie der Unglücksfälle (doctrine of infelicities): Es muss ein konventionales Verfahren geben, kraft dessen mit der Äußerung bestimmter Wörter - unter geeigneten und angemessenen Umständen - eine bestimmte Handlung vollzogen werden kann, und dieses Verfahren muss von allen Beteiligten korrekt und vollständig ausgeführt werden. Ist eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, so misslingt die performative Äußerung, und die beabsichtigte Handlung kommt nicht zustande. Wenn jemand z.B. sagt: "Ich erkläre euch hiermit zu Mann und Frau", ohne der bestellte Priester zu sein, außerhalb der konventionellen Heiratszeremonie oder obwohl einer der beiden Beteiligten bereits verheiratet ist, so ist die Heirat nichtig und wirkungslos.

Ein Unglücksfall liegt aber auch dann vor, wenn die beteiligten Personen nicht die Gedanken, Gefühle oder Intentionen haben, die das Verfahren, auf das sie sich berufen, involviert. Wenn ich z.B. verspreche, etwas zu tun, so impliziert dies, dass ich die Absicht habe, mein Versprechen zu halten, und mich folglich auch entsprechend verhalte. Wird diese Bedingung dagegen nicht erfüllt, so wird das konventionelle Verfahren zwar 'äußerlich' betrachtet vollständig und korrekt ausgeführt, d.h. die erklärte Handlung kommt zustande, jedoch nur aufgrund eines Missbrauchs des konventionellen Verfahrensder Konvention.

Austin kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass sich die Konstativ-Performativ-Unterscheidung nicht streng aufrechterhalten lässt bzw. keinen klassifikatorischen Wert besitzt. Einerseits läßt sich kein eindeutiges grammatisches oder lexikographisches Kriterium angeben, das in jedem Fall erlauben würde, konstative von performativen Äußerungen zu unterscheiden; andererseits zeigt sich, dass Konstativa ebenso fehlschlagen können, wie es für Performativa Erfordernisse gibt, mit bestimmten Fakten übereinzustimmen (55, 91): Wenn ich z.B. behaupte, "Peters Kinder sind kahlköpfig", Peter hat aber gar keine Kinder, so ist diese Äußerung in dem gleichen Maße sinnlos, falsch, leer oder missglückt, wie das Versprechen "Ich vermache Dir meine Uhr", ohne dass ich eine Uhr besitze.

Die Unmöglichkeit, die sprachliche Spezifität des Performativen zu definieren, veranlasst Austin schließlich dazu, den Begriff des Performativen ganz aufzugeben. Jede Äußerung kann als ein Sprechakt aufgefasst werden, der sich hinsichtlich dreier verschiedener Aspekte oder Dimensionen analysieren lässt. Austin unterscheidet zwischen einem lokutionären Akt (d.i. der Akt des Etwas-Sagens), dem illokutionären Akt (d.i. die Handlung, die man vollzieht, indem man etwas sagt) und dem perlokutionären Akt (d.i. der Effekt, den man dadurch erreicht, dass man etwas sagt) (109, 121). Dabei kommt dem lokutionären Akt eine Bedeutung (meaning), dem illokutionären eine bestimmte Kraft oder Rolle (force) (z.B. Behaupten, Fragen, Warnen, Bitten, Versprechen etc.) und dem perlokutionären das Erzielen bestimmter Wirkungen zu (z.B. jemanden von etwas überzeugen, zu etwas überreden, von etwas abhalten etc.).

Im Anschluss an Austin macht sich John R. Searle die Ausarbeitung einer Theorie der Sprechakte zur Aufgabe, die die Systematisierung und Klassifizierung der illokutionären Akte zum Ziel hat. Während Searle die Errungenschaft von Austins How to Do Things with Words in der Ersetzung der Unterscheidung konstativer und performativer Äußerungen durch eine 'allgemeine' Theorie der Sprechakte sieht, in deren Mittelpunkt die illokutionären Rollen sprachlicher Äußerungen stehen, macht Slavoj Zizek geltend, dass gerade der "Übergang von dem Gegensatz performativ/konstativ zu der Triade Lokution/Illokution/Perlokution und der daraus folgenden Klassifikation der illokutionären Akte" einen wesentlichen Aspekt in Austins Argumentation übersieht und eliminiert (Zizek 1993, 109f.). An diesem Punkt setzen die Arbeiten Benvenistes, de Mans, Felmans, Derridas und Butlers an.

Siehe auch: Sprache (D); Kommunikation (D); Performativität (D); Referenz (D)

Literaturhinweise
•  Austin, John L. (1963): "Performative–Constative [kommentiert (D)]"
•  Benveniste, Émile (1974): "Die analytische Philosophie und die Sprache [kommentiert (D)]"
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]"
•  Searle, John R. (1969): Speech Acts. An Essay in the Philosophy of Language.
•  Žižek, Slavoj (1993): Grimassen des Realen: Jacques Lacan oder die Monstrosität des Aktes.






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