Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Glasersfeld, Ernst von (2000): "Die Schematheorie als Schlüssel zum Paradoxon des Lernens [kommentiert (RK)]", in: Fischer, Hans Rudi / Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Wirklichkeit und Welterzeugung. In memoriam Nelson Goodman. Heidelberg: Carl Auer-Systeme Verlag, 119-127. [engl: "Scheme theory as a key to the learning paradox", in: Tryphon, A. / Vonèche, J. (ed.) (2001): Working with Piaget: Essay in honor of Bärbel Inhelder, London: Psychology Press, 139-146].



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Das Paradoxon des Lernens, so v. Glasersfeld, ist das Paradoxon, wie wir etwas lernen können, das wir noch nicht wissen. Die Frage, wie Individuen zu abstraktem Wissen kommen, wurde beispielsweise in Platons Ideenlehre als Wiedererinnerung angeborener Ideen interpretiert. Gegenwärtig lanciert Noam Chomsky eine Theorie der genetischen Verankerung von abstraktem Wissen im menschlichen Genom, das durch entsprechende Stimuli "zum Leben erweckt" werde. V. Glasersfeld findet diesen Zugang unbefriedigend, ebenso wie den Versuch, das Lernparadoxon mit der logischen Struktur der Induktion zu erklären, da sich mit ihnen nicht der Übergang von begrifflich beschränkten zu begrifflich reichhaltigeren Inhalten zeigen lässt. Gegen Jerry Fodor und Carl Breiter argumentiert er, dass das Lernparadoxon aufgrund von doktrinären Ansätzen entstehe, die behaupten, dass die Bildung von Hypothesen ein induktiver Prozess sei, der auf der Sammlung von Daten basiere. Aus konstruktivistischer Sicht sind Daten jedoch nicht einfach gegeben, sondern kognitive Konstrukte der Beobachtung. V. Glasersfeld kontrastiert die Theorie der Vererbung von Lernfähigkeiten deshalb mit einem konstruktivistischen Ansatz, der Charles S. Peirce Theorie der Abduktion und Jean Piagets Konzept der kognitiven Schemata zu einer Schematheorie des Lernens verbindet.

Jede Induktion, so beginnt v. Glasersfelds Argumentation, beinhaltet einen begrifflichen Sprung, der nicht in den Daten selbst enthalten ist, sondern einen kleinen schöpferischen Akt des beobachtenden Subjekts darstellt. Peirce' Begriff der Abduktion bezeichnet eine von einem Einzelfall abgeleitete hypothetische Regel, die durch einen spontanen Einfall entsteht und empirisch überprüft werden muss. Erst bei dieser Prüfung kommt Induktion ins Spiel, "jeder induktive Schluss [enthält] eine implizite Abduktion" (123). Diese besteht in der Wahl eines Kriteriums für das induktive Schlussverfahren, das weder deduktiv noch induktiv ableitbar ist. Abduktion könne aus Prozessen der Analogiebildung, der Übertragung oder Verallgemeinerung von strukturellen oder funktionellen Ähnlichkeiten eines bekannten Sachverhalts auf einen neuen erklärt werden. Daraus folgert v. Glasersfeld, dass "als angeboren lediglich die Fähigkeit vorausgesetzt werden [müsse], Erfahrungen zu erinnern, zu reflektieren und Vergleiche anzustellen" (123).

Anhand von Jean Piagets Entwicklungspsychologie rekonstruiert v. Glasersfeld diese Fähigkeit zu Wiederholung und Vergleich durch folgende Struktur kognitiver Schemata: Wahrgenommene Situation, Aktivität,erwartetes Ergebnis. Wie beim Reflex ist auch bei einem Schema vorauszusetzen, dass das handelnde Individuum eine auslösende Situation wieder erkennt. Ein solches (Wieder-)Erkennen innerhalb eines bestimmten Schemas nennt Piaget Assimilation. Können Erfahrungsinhalte nicht assimiliert werden, kommt es zu Perturbationen, das Schema wird modifiziert, was zur Akkomodation eines neuen Schemas führt. Als zielorientiertes Phänomen bilden Schemata "einen perfekten Rahmen für das Funktionieren von Assimilation und Akkomodation" (124) und dienen deshalb der Entdeckung, Erfindung und Innovation. Die originelle Pointe, die v. Glasersfeld aus der konstruktivistischen Schematheorie zieht: Eine Abduktion ist nichts anderes als eine bewusst durchgeführte Akkomodation! Abduktion tritt demnach bei der Akkomodation von Handlungsschemata auf sensormotorischer oder kognitiver Ebene auf, aktive Konstruktion ist die Basis allen Lernens.






Siehe auch: Kognition (ST/RK); Schema (RK); Viabilität (RK); Beobachtung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Evolution (ST/RK); Enactment (RK); Subjekt (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); Verstehen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Glasersfeld, Ernst von (1983): "Learning as a Constructive Activity"
•  Glasersfeld, Ernst von (1994): "Piagets konstruktivistisches Modell: Wissen und Lernen"
•  Glasersfeld, Ernst von (1997): "Piaget's Legacy: Cognition as Adaptive Activity"
•  Piatelli-Palmarini, Massimo (Hg.) (1980): Language and Learning - The Debate between Jean Piaget and Noam Chomsky.
•  Riegler, Alexander (2001): "Ein kybernetisch-konstruktivistisches Modell der Kognition [kommentiert (RK)]"

Externe Links
•  Homepage Ernst von Glasersfeld
•  Ernst von Glasersfeld - Bibliografie
•  Jean Piaget Society





home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive