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Babka, Anna (2002): Unterbrochen. Gender und die Tropen der Autobiographie [kommentiert (D)]. Wien: Passagen.



Kommentiert von Stefan Krammer, Uni Wien (Stand: 6.10.03)
E-mail: stefan.krammer@univie.ac.at

Anna Babkas Unterbrochen - Gender und Tropen der Autobiographie zu lesen, ist Wendung, Rundgang und Randgang. Unterwegs zu den Abgründen der Sprache mit ihren Repräsentationsmechanismen und wechselseitigen Implikationen werden die Grenzen von Identitäten neu verhandelt, allerdings nicht durch Festschreibung, sondern durch den Gestus der Unentscheidbarkeit. Grenzen, wie sie die Begriffe von Gender und Genre implizieren und provozieren, werden unterbrochen, in einer Lektüre, die Figurationen der (Geschlechts-)Identität zunächst refiguriert und dann defiguriert. Hier findet Dekonstruktion statt und kann dadurch auch methodologisch festgeschrieben werden.

In Verbindung von poststrukturalistischer Theoriebildung und Gender Studies untersucht Babka die Begriffe Identität, Körper und Geschlecht hinsichtlich ihrer rhetorischen Verfasstheit. Ausgangspunkte der Lektüre sind dabei Paul de Mans Relektüre des Genres Autobiographie als Maskenspiel mit seiner Forderung, Autobiographie nicht als Gattung oder Textsorte, sondern als Lese- oder Verstehensfigur aufzufassen, sowie Jacques Derridas Reflexionen zum Gesetz der Gattung und zum Verhältnis von Geschlecht und Sprache. Die deutschsprachige Rezeption der Dekonstruktion, die in der Studie vor allem durch Bettine Menke und Anselm Haverkamp repräsentiert wird, legt schließlich die Spur zu Judith Butlers Diskussion der Begriffe sex und gender als identitätsformierenden Regulationsfiguren, veranschaulicht im Begriff der Performativität, der die Geschlechteropposition auflöst, indem er dem Körper Gewicht verleiht.

Babka stellt Butlers Performativität der Geschlechter in einen neuen Rahmen, indem sie Geschlechtsidentität als Autobiographie liest. Denn das autobiographische Ich ist seiner (Geschlechts-)Identität nicht vorgängig und kommt insofern nur über reiterative Diskurse überhaupt zur Sprache. Wider ein Konzept binär gedachter Geschlechterdifferenz, eröffnet Babkas Studie Perspektiven, Identität jenseits hierarchischer Schemata zu denken. Der Körper wird ins Spiel gebracht, und zwar „als Ort, an dem alle Geschlechter immer schon als Fiktion vereint sind“ (63). Der Körper kann allerdings nicht mehr vergegenständlicht und konkretisiert werden, sondern oszilliert an der Schnittstelle von Körpern als Effekt von Diskursen und von Diskursen über den Körper in unentscheidbarer Weise zwischen Performanz und Figuration.

Die Figuren oder Tropen der Autobiographie in ihrer doppelten Ausprägung von Performanz und Figuration dienen Babka als Analyseinstrument. Inwiefern die Tropen der Autobiographie mit den Funktionsweisen der Tropen der (Geschlechts-)Identität korrelieren, wird anhand der Tropen der Prosopopöie (Verleihung von Gesicht und Stimme), der Katachrese (Abusus und Neuschöpfung) und der Parabase (Abschweifung oder Unterbrechung) nachvollziehbar. Der Lacansche Phallus wird über die Figur der Prosopopöie gelesen. Er verleiht dem Subjekt im Spiegelstadium gleichsam ein Gesicht, das immer auch Maske ist. Die Formation des Ichs über das Geschlecht erweist sich, weil rhetorisch verfasst, als brüchig. Babka reflektiert als Kontrapunkt zum Phallus die Figur des Hymens und versucht dieses von der Anbindung an die Frau zu lösen. Anhand der Metapher des Schleiers zeigt sie die Unentscheidbarkeit auf, die das Hymen figuriert und die in gleicher Weise die Geschlechtsidentität betrifft. Über die Figuren der Autobiographie als Maskierung, Demaskierung oder Verschleierung werden Figurationen des Subjekts lesbar, die Babka aufgrund ihrer unendlichen Vielfalt und Unterbrechung als monströs herausstellt.

Eine Refiguration dieser Vielfalt erfolgt über die Figur des Hermaphroditen und seiner/ihrer permanent unterbrochenen Geschlechtsidentität. Der Aspekt der Performanz der Sprache als Maschine (de Man) liefert den Anschluss an Konzepte zeitgenössischer Technologiemetaphorik, die gemeinsam mit den Figuren der Autobiographie zu einer Relektüre des Kleistschen Marionettentheaters führen. Für Babka eröffnet Kleists göttlicher Gliedermann „Möglichkeiten der Verdrehung, Verschiebung, Unterbrechung metaphysischer Vorstellungen von Identität und Ganzheit“ (102). Dementsprechend wird er auch als Cyborg refiguriert und als Ghost in the Shell (d.i. ein japanisches Manga, das in seiner Verfilmung als postmodernes Paradigma des Animationsfilms diskutiert wird) gegengelesen. Mit diesen Kunstfiguren, die aufgrund ihrer Grenzwertigkeit die Ordnung der Geschlechter gefährden, bringt Babka auch das verrückte Geschlecht ins Spiel.

Die Frage nach der Überlieferung , die nur über das Lesen von Repräsentationen (des Gedächtnisses) denkbar ist, veranlasst Babka zur Verbindung von Gender und/als Autobiographie mit Konzepten der Erinnerung bzw. der Memoria. Ihres Erachtens ist der autobiographische Diskurs allein über die ihm eignenden Figuren oder Tropen denkbar und insofern immer auch Fiktion. Autobiographie wird zum mnemonischen Bild, in dem in einer zwingenden Zitathaftigkeit die auswendige Performance einer geschlechtlichen Norm aufgeführt wird. Was als Geschlecht überhaupt existiert, ist Erinnerung als Zitat, ist Lesefigur und Autobiographie, die immer schon unterbrochen ist.

Siehe auch: Gattung/Genre (D); Autobiografie (D); Aporie (D); Hybridität (D); Performativität (D); Rhetorik (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1993): Bodies that Matter. On the Discursive Limits of "Sex" [kommentiert (D)].
•  de Man, Paul (1984): "Autobiography as De-facement [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1986): "Sporen. Die Stile Nietzsches [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1994): "Das Gesetz der Gattung [kommentiert (D)]"
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt – der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]"
•  Menke, Bettine (1995): "Dekonstruktion der Geschlechteropposition – das Denken der Geschlechterdifferenz. Derrida [kommentiert (D)]"






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