Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Gottschall, Karin (1996): "Zum Erkenntnispotential sozialkonstruktivistischer Perspektiven für die Analyse von sozialer Ungleichheit und Geschlecht [kommentiert (ST)]", in: Hradil, Stefan (Hg.): Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Dresden 1996. Frankfurt/M./New York: Campus, 479-496.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Karin Gottschall diskutiert in ihrem Aufsatz zwei konstruktivistische Positionen zum Ge-schlechterverhältnis im Rahmen des jüngeren sozialwissenschaftlichen Diskurses (zur sozialen Ungleichheit im weiteren Sinne). Die erste Position folgt einer ethnomethodologischen Perspektive des "doing difference". Sie gründet auf dem mikrosoziologischen Ansatz von West/Fenstermaker (1991), der in der deutschen Diskussion durch Gildemeister/Wetterer (1992) weiterentwickelt wurde. Die zweite Position ist eine auf Luhmanns Systemtheorie gründende Argumentation der Dethematisierung von Geschlecht im Zuge des sozialen Wandels im Geschlechterverhältnis von Ursula Pasero (1994, 1995, 1997). Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf Gottschalls Auseinandersetzung mit Paseros Dethematisierungsthese.

Für Gottschall ist "Paseros Trendaussage zur zunehmenden Dethematisierung von Geschlecht in modernen Gesellschaften angesichts der zahlreichen Befunde zur anhaltenden "unendlichen Monotonie und Vielfalt" von Geschlechterungleichheit theoretisch wie empirisch provokativ." Ausgehend von einer Deontologisierung des Erkenntnisprozesses selber, d.h. auch wissenschaftliche Erkenntnis ist beobachterabhängig bzw. konstruiert, wird hier ein genuin soziologischer Ansatz verfolgt, der die Konstruktion der Wirklichkeit nicht nur fürs Bewusstsein, sondern auch im Sozialen postuliert. Historisch kommt es in der Moderne mit der Umstellung von Stratifikation auf funktionale Differenzierung auch im Geschlechterarrangement zu grundlegenden Veränderungen. Nach Pasero sind es vor allem die Gleichheitssemantik der Aufklärung und die Neuthematisierung der Geschlechterdifferenz, die zu einem "wechselseitigen Steigerungszusammenhang von Gleichheit und Differenz" führen. Erst der Bedeutungsverlust der Kategorie Geschlecht führt paradoxerweise vor dem Hintergrund des Gleichheitspostulats zu der Möglichkeit der Beobachtung auch feinster Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis.

Für Gottschall ist Paseros Rekurs auf das luhmannsche Differenzierungsmodell allerdings unbefriedigend, um historischen Wandel und soziale Ungleichheit hinreichend zu erklären. "Die hier zweifellos vorhandene 'gesellschaftsdiagnostische Treffsicherheit' von Paseros Argumentation wird jedoch durch das systemtheoretische Verständnis von gesellschaftlicher Entwicklung wieder eingeschränkt" (Gottschall 2000). Doch ungeachtet der Kritik an beiden sozialkonstruktivistischen Ansätzen stecken für Gottschall in ihnen "wichtige Anregungspotentiale für Analysen zu sozialer Ungleichheit und Geschlecht".

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Evolution (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Semantik (ST); Wahrnehmung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Gottschall, Karin (1999): "Doing Gender While Doing Work? Potentials of Social Constructionist Approaches for the Research of Gender, Rationalization and Organization"
•  Gottschall, Karin (2000): "Soziale Ungleichheit und Geschlecht. Kontinuitäten und Brüche, Sackgassen und Erkenntnispotentiale im deutschen Diskurs"
•  Hagemann-White, Carol (1993): "Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Methodische Konsequenzen aus einer theoretischen Einsicht [kommentiert (ST)]"
•  Hirschauer, Stefan (1994): "Die soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit"
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1995): "Dethematisierung von Geschlecht [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1997): "Kommunikation von Geschlecht  stereotype Wirkungen: Zu sozialen Semantik von Geld und Geschlecht [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1999): "Wahrnehmung ein Forschungsprogramm für die Gender Studies [kommentiert (ST)]"






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive