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Hejl, Peter M. (1987): "Konstruktion der sozialen Konstruktion: Grundlinien einer konstruktivistischen Sozialtheorie [kommentiert (ST), kommentiert (RK)]", in: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 303339.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Peter Hejl versucht im vorliegenden Text die Bedingungen für eine konstruktivistische Sozialtheorie zu klären, wobei die Probleme bereits damit beginnen, wie der Titel schon andeutet, dass eine solche Theorie ihrerseits ein Konstrukt ist. Zuerst gilt es, mit den traditionellen Vorstellungen von Objektivität zu brechen und die soziale Systeme bildenden Individuen als Konstrukteure eben dieser Systeme zu begreifen. Jede individuelle und kollektive Realitätsvorstellung, eingedenk der Sozialtheorien über Menschen, Gehirne und soziale Systeme, ist dann als Konstruktion zu beobachten und zu handhaben. Genau hier läge dann auch der Nutzen einer konstruktivistischen Sozialtheorie, die nicht länger ein Abbild sozialer Wirklichkeit, sondern "spezifische Beiträge zum sozialen Prozess der Erzeugung von Realitätskonstrukten" intendiert. Entscheidend ist also nicht die behauptete Abbildungsqualität der Realität, sondern die verwendete Methode der Realitätserzeugung.

Mit Bezug auf Maturanas (1988) kognitionsbiologische Erkenntnisse trifft Hejl zuerst die notwendigen methodischen Vorüberlegungen, deren zentrale Annahme darin liegt, dass jede Form von Beobachtung ein konstruktiver Prozess ist. Auch Wissenschaft ist dann nicht länger eine Methode feststellbarer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, sondern eine spezifische Form des Problemlösens, die es nach ihrer "Problemlösungskapazität, ihre[r] Konsistenz und Verknüpfbarkeit mit Modellen aus anderen Disziplinen" zu beurteilen gilt. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, das konstitutive und wechselseitige Verhältnis biologischer (menschlicher Organismus/Gehirn), kognitiver (Gehirn) und sozialer (Handlung/Kommuikation) Systeme bzw. Ebenen zu klären, um sich nicht der Gefahr von reduktionistischen oder deterministischen Erklärungsmodellen auszusetzen. Für die nötige Trennschärfe in der Behandlung von ineinandergreifenden biologischen und sozialen Systemen in der konstruktivistischen Sozialtheorie schlägt Hejl eine präzise Klassifizierung von Systemen bezüglich der Prozesse der "Selbstorganisation"/"Selbsterzeugung" (z.B. physikalisch-chemische Prozesse), der "Selbsterhaltung" (z.B. komplexe lebende Systeme; der menschliche Körper) und "Selbstreferenz" (z.B. das menschliche Gehirn) vor.

Entscheidend ist hier die Erkenntnis, dass Wahrnehmungen des (menschlichen) Gehirns nicht das Ergebnis eines unmittelbaren Realitätskontaktes sind, sondern dass sie aus Umweltreizen synthetisierte Eigenrealitäten darstellen. Demnach sind Gehirne in ihrer Körperverwiesenheit (biologisch) zwar keine selbsterhaltenden Systeme, doch kognitiv sind sie selbstreferentielle Systeme, die ihre Wirklichkeit selber generieren. Im Weiteren (re-)konstruiert Hejl eine Entwicklungsgeschichte des menschlichen Gehirns und der Gesellschaft. Dabei geht es ihm entscheidend um die koevolutionäre Erzeugung von sozialen Realitäten in Form sozialen Sinns oder sozialer Bedeutung mit Hilfe der Sprache und Kommunikation. Diese sozialen Realitäten definiert er als soziale Bereiche, die ihrerseits Vorraussetzung für die Bildung sozialer Systeme sind. Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass "die Gruppenmitglieder [...] eine gemeinsame Realität und damit einen Bereich sinnvollen Handelns und Kommunizierens erzeugt haben und auf ihn bezogen interagieren." Dabei stellt sich die Bestimmung der Grenzen solcher sozialer Systeme als ein zentrales Problem.

Abschließend diskutiert Hejl die drei Problemkreise des "Konservativismus synreferentieller Systeme", des "sozialen Wandels" und der "Gesellschaft als Netzwerk synreferentieller Systeme". Aufgrund ihrer selbstreferentiellen Operationsweise orientieren sich Systeme an in der Vergangenheit erfolgreichen Verhaltensweisen. Trotz dieses natürlichen, in ihrer Funktionsweise begründeten Konservativismus, "erzeugen sie ebenso notwendigerweise das Phänomen des sozialen Wandels." Denn synreferentielle Systeme interagieren wie auch andere Systeme durch ihre Komponenten (hier Individuen), die ständig zur Integration beitragen müssen und auf diese Weise auch ständig neue Realitäten, Möglichkeiten, Entscheidungen und Veränderungen induzieren. "Gesellschaft wird damit theoretisch als pluralistischer Prozess der im Netzwerk sozialer Systeme verteilten Erzeugungen von Realitäten verstanden, auf die stets ebenfalls sozial verteilte Anpassungen an diese selbsterzeugten Realitäten folgen."

Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Bewusstsein (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Struktur (ST/RK); Subjekt (ST/RK); System, psychisches (ST); System, soziales (ST/RK); Wissen (ST/RK); Zeichen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Gumin, Heinz / Meier, Heinrich (Hg.) (1992): Einführung in den Konstruktivismus.
•  Hejl, Peter M. (1982): Sozialwissenschaft als Theorie selbstreferentieller Systeme.
•  Hejl, Peter M. (1984): "Towards a Theory of Social Systems: Self-Organization and Self-Maintenance, Self-Reference and Syn-Reference"
•  Hejl, Peter M. (1987): "Zum Begriff des Individuums. Bemerkungen zum ungeklärten Verhältnis von Psychologie und Soziologie"
•  Hejl, Peter M. (1990): "Soziale Systeme: Körper ohne Gehirne oder Gehirne ohne Körper? Rezeptionsprobleme der Theorie autopoietischer Systeme in den Sozialwissenschaften [kommentiert (ST), kommentiert (RK)]"
•  Luhmann, Niklas (1982): "Autopoiese, Handlung und kommunikative Verständigung"
•  Maturana, Humberto R. (1987): "Biologie der Sozialität [kommentiert (RK)]"






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