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Hejl, Peter M. (1990): "Soziale Systeme: Körper ohne Gehirne oder Gehirne ohne Körper? Rezeptionsprobleme der Theorie autopoietischer Systeme in den Sozialwissenschaften [kommentiert (ST), kommentiert (RK)]", in: Riegas, Volker / Vetter, Christian (Hg.): Zur Biologie der Kognition. Ein Gespräch mit Humberto R. Maturana und Beiträge zur Diskussion seines Werkes. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 205236.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Im vorliegenden Aufsatz erörtert Peter Hejl Potenziale und Risiken der Theorie autopoietischer Systeme für die Sozialwissenschaften. Mit dem Schwinden der Begründbarkeit eines absoluten Wissens durch Offenbarung und Tradition kommt es in der Moderne zur notwendigen Selbstbeobachtung der Wissenschaft durch die Wissenschaft und der Konstruiertheit ihres Wissens. Denn die Wissenschaft nimmt selber an den Prozessen teil, die sie erklären möchte. Sie verwendet "sozial erzeugte Konzepte zur Erklärung des Sozialen." Eine klare Trennung zwischen erkennendem Subjekt und zu beobachtendem Objekt erweist sich als zirkulärer Trugschluss. Um dieses verstrickte Verhältnis des Sozialwissenschaftlers zu seinem Gegenstandsbereich theoretisch schärfer in den Blick und methodisch besser in den Griff zu bekommen, erhofft sich Hejl Fortschritte von der Theorie der Autopoiese.

Dazu rekurriert er im Wesentlichen auf die wahrnehmungstheoretischen Arbeiten von Maturana (1982; 1987) und Varela (1987), die im Bereich der Biologie der Kognition, aber auch zu Problemen des Wahrnehmens und Erkennens, sowie wissenschaftlicher Methoden, richtungsweisende Forschungen und Überlegungen angestellt haben. Eine zentrale Erkenntnis ihrer Forschung ist, dass Wahrnehmungen des (menschlichen) Gehirns nicht das Ergebnis eines unmittelbaren Realitätskontaktes sind, sondern dass sie aus Umweltreizen synthetisierte Eigenrealitäten darstellen. Demnach sind Gehirne in ihrer Körperverwiesenheit (biologisch) zwar keine selbsterhaltenden Systeme, doch kognitiv sind sie selbstreferenzielle Systeme, die ihre Wirklichkeit selbst generieren und reproduzieren, also autopoietisch operieren.

Hejl diskutiert verschiedene Möglichkeiten, wie diese "Theorie der [biologischen bzw. kognitiven] Autopoiese für die Sozialtheorie fruchtbar gemacht werden kann." Nach ausführlichen Vorüberlegungen und Abwägungen favorisiert er ein Konzept, das soziale Systeme als "synreferentielle Systeme" auffasst, die selbst nicht autopoietisch operieren, aber durch autopoietische Systeme (Menschen und ihre Bewusstseine) konstituiert werden. Soziale Systeme werden als ein "Prozess wechselseitiger Interaktionen und damit wechselseitiger Veränderungen" verstanden. Sie bestehen aus Individuen als "Knoten" (im Sinne der Graphentheorie), die als kognitive Subsysteme durch "partielle Parallelisierung" vergleichbare Realitätskonstrukte ausbilden, die so sinnhafte Kommunikationen ermöglichen. Und Gesellschaft wird verstanden als ein Netzwerk sozialer (Interaktions- und Organisations-) Systeme, das aufgrund des Fehlens von Grenzen aber selbst kein Sozialsystem ausbildet.

An dieser Stelle grenzt sich Hejl auch scharf von Niklas Luhmanns generalisiertem Konzept einer sozialen Autopoiese ab. Im Gegensatz zu dessen strikter Unterscheidung psychischer Systeme (Autopoiese von Gedanken/Bedeutungen) und sozialer Systeme (Autopoiese von Kommunikationen) betont Hejl in enger Anlehnung an Maturanas Definition (biologischer/kognitiver) Autopoiese die Kopplung biologischer, kognitiver und sozialer Systeme. Er sieht es auch nicht als erwiesen an, dass die für Luhmanns Theorie sozialer Systeme konstitutiven Operationen kommunikativer Autopoiese in der angenommenen Art ablaufen, und er vermutet den Grund dafür "in der Fehlinterpretation des Zusammenhanges von operationaler Schließung, Autonomie und Regelbarkeit sowie in den damit verknüpften Folgeproblemen." Auch wenn es für Hejl bislang kein "ausformuliertes Konzept" einer Autopoiese von Sozialsystemen gibt, so ist für ihn dennoch "mit diesem Theorieansatz ein Fortschritt in Richtung auf eine Theorie der Selbstorganisation und damit auch der Selbstregelung von kognitiven und sozialen Systemen" geleistet worden.

Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Bewusstsein (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); System, soziales (ST/RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); System, psychisches (ST); Wissen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Glasersfeld, Ernst von (1997): Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme [kommentiert (RK)].
•  Hejl, Peter M. (1987): "Konstruktion der sozialen Konstruktion: Grundlinien einer konstruktivistischen Sozialtheorie [kommentiert (ST), kommentiert (RK)]"
•  Hejl, Peter M. (1987): "Zum Begriff des Individuums. Bemerkungen zum ungeklärten Verhältnis von Psychologie und Soziologie"
•  Luhmann, Niklas (1982): "Autopoiese, Handlung und kommunikative Verständigung"
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].






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