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Hirschauer, Stefan (2001): "Das Vergessen des Geschlechts. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung [kommentiert (ST)]", in: Heintz, Bettina (Hg.): Geschlechtersoziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozial-psychologie, Sonderheft 41/2001. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 208235.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de


Stefan Hirschauer geht in diesem Aufsatz der Frage nach, welche Relevanz das Geschlecht als Kategorie sozialer Ordnung hat. Er verfolgt dabei einen Theorieansatz, der in der Ethnomethodologie und im Poststrukturalismus wurzelt und der die Geschlechterdifferenz nicht als Merkmal von Individuen, sondern als soziale Praxis fasst. Seinen 'performativen' Ansatz entwickelt Hirschauer im Spannungsfeld der Kritik zweier 'polarer' Positionen, der Theorie funktionaler Differenzierung mit ihrem Konzept einer Geschlechtsneutralität sozialer Rollen und Institutionen einerseits, und der feministischen Ideologiekritik der Geschlechtsneutralität andererseits.

Hirschauer konstatiert für die Theorie funktionaler Differenzierung, dass sie aufgrund ihrer theoretischen Engführung auf kommunikative Selbstbeschreibungen eine Tendenz "zu einer systematischen Überschätzung der kulturellen Realisierung von Geschlechtsneutralität" aufweise. Die feministische Geschlechterforschung hingegen tendiere aufgrund der Vorraussetzung der Geschlechterdifferenz als Erkenntnisobjekt dazu, die Möglichkeit der Geschlechtsneutralität systematisch zu unterschätzen. Um trotz der kulturell garantierten Sichtbarkeit des Geschlechts als ein 'master status' (Hughes) Geschlechtsneutralität als ein soziologisches Thema behandeln zu können, schlägt Hirschauer vor, methodisch 'sensibilisiert' stets zu kontrollieren, ob in der beobachteten Praxis die Geschlechterunterscheidung tatsächlich vollzogen oder zurückgewiesen wird. Theoretisch bedarf es dazu eines Praxisbegriffs, der sowohl für die Relevantsetzung als auch die Neutralisierung der Geschlechterdifferenz offen ist.

Im Weiteren untersucht Hirschauer im Detail, wann und wie Geschlecht in Interaktionen und Institutionen aktualisiert oder neutralisiert wird. Einerseits sind es Interaktionsverläufe, in denen die Geschlechtszugehörigkeit der Akteure situativ zu einer Kategorie der Mitgliedschaft (Kollektiv) oder zu einer Relation (gleich/ungleich) aufgebaut werden kann. Die Mobilisierung und Neutralisierung von Geschlecht erfolgt dabei temporär, wobei stereotype Wahrnehmungen der Geschlechterdifferenz mitunter als "passepartout" der Kommunikation dienen. Andererseits gibt es aber auch dauerhafte strukturelle Einschreibungen der Geschlechterdifferenz, wie z.B. in Biographien, Gruppen, Milieus, Netzwerken und Organisationen. Im Gegensatz zu Interaktionen ist im institutionellen Bereich kaum eine Ambiguitätstoleranz hinsichtlich eines 'undoing gender' erkennbar. Abschließend öffnet Hirschauer einen Ausblick auf ein "Verschwinden der Geschlechter" und fragt danach, welche Effekte ein Relevanzverlust für die Geschlechtswahrnehmung und den semantischen Gehalt der Geschlechtskategorien hätte.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Kontingenz, doppelte (ST); Struktur (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Hirschauer, Stefan (1993): Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Über die Medizin und den Geschlechtswechsel.
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]"
•  Runte, Annette (1994): "Die 'Frau ohne Eigenschaften' oder Niklas Luhmanns systemtheoretische Beobachtung der Geschlechter-Differenz [kommentiert (ST)]"
•  West, Candance / Zimmermann, Don H. (1987): "Doing Gender"






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