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Johnson, Barbara (1992): "Mein Monster Mein Selbst [kommentiert (D)]", in: Vinken, Barbara (Hg.): Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 130-146.



Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Barbara Johnsons Text steht in Vinkens Sammelband repräsentativ für einen dekonstruktiven Analyse- und Lektürestil der Defiguration. Der kurze Text thematisiert die theoretische Metaebene ebenso wie die Frage der Möglichkeit der Repräsentation von Frauen in Texten von Frauen. Drei Themenkomplexe werden von Johnson fokussiert und korreliert: Muttersein, die schreibende Frau und die Autobiographie. Die enge Verbindung zwischen diesen Themen versucht Johnson über die kritische Engführung dreier Texte zu entfalten: Nancy Fridays My Mother/My Self, Dorothy Dinnersteins The Mermaid and the Minotaur sowie Mary Shelleys 'gothic novel' Frankenstein: or, The modern Prometheus, der das Zentrum der Lektüre bildet. Alle drei Texte kritisieren die Institution der Elternschaft, unterschiedlich zwar, doch jeweils mit dem Resultat, "daß der Status quo des elterlichen Arrangements etwas zutiefst Monströses hat" (131); alle drei sind nicht explizit autobiographisch, legen jedoch eine solche Lesart nahe; alle drei formulieren einen "Kampf um weibliche Autorschaft" (132). Die Ambivalenz, die in Mutter-Tochter-Beziehungen liegt und die darin begründeten Abgrenzungsversuche und Individuationsprozesse, haben grundlegende Auswirkungen auf die Konstruktion von weiblicher Identität.

Barbara Johnson liest Mary Shelleys Roman Frankenstein als Autobiographie und Frankensteins Monster als die Figur für die Autobiographie, weil es "der autobiographische Wunsch par excellence" ist, ein Abbild, ein Wesen nach dem eigenen Bild zu schaffen. Die Unmöglichkeit dessen zeigt sich am "Grad der Entfremdung und Selbstqual" sowohl des Monsters als auch seines Schöpfers und steht für die "Monstrosität des Selbst". Johnson korreliert Geburt und Mutterschaft, aber auch Tod mit dem Schöpfungsakt der Texte. Die Besonderheit und Notwendigkeit der 'weiblichen' Autobiographie, in der sie die "Monstrosität des Selbst" eingebettet sieht, liegt nach Johnson darin, dass das Selbst und jegliche Form menschlicher Lebensgeschichten männlichen Vorbildern nachmodelliert werden. Es ist folglich unmöglich, das signifikant 'männliche' Genre zu vermeiden (vgl. 143).

Johnson korreliert Monstrosität und Geschlecht in unterschiedlicher, ja widersprüchlicher Weise. In ihrer Einleitung argumentiert sie, dass Mary Shelley "die Monstrosität des Selbst nicht ausdrücklich in seinen Geschlechter-Arrangements [zu] lokalisier[en]" scheint, sondern dass sie vielmehr "Spaltungen innerhalb des menschlichen Seins in Szene [setzt], die so sehr Teil des Menschseins sind, daß es unmöglich scheint, der Monstrosität zu entgehen" (131). Die Monstrosität scheint also außerhalb der Vorstellung von Mann und Frau zu liegen. An anderer Stelle wiederum kommt sie zum Schluss, dass Monstrosität mit Weiblichkeit nicht vereinbar sei und dass die weiblichen Charaktere im Text zwar schön, aber "langweilig" seien. Zugleich bleibt in Shelleys Text nicht einmal das 'Weibliche' an Frauenfiguren gebunden, wird doch die weibliche Rolle von Frankenstein selbst usurpiert, der physisch ein Kind (Monster) zur Welt bringt.

Johnsons Conclusio zielt darauf ab, Mary Shelleys Text als Versuch zu lesen, den "weiblichen Widerspruch vom Gesichtspunkt seiner Verdrängung aus" in einer Kluft zu lokalisieren, nämlich "zwischen Engeln der Häuslichkeit und einer unvollendeten Monsterfrau, zwischen der ermordeten Elisabeth und der zerstückelten Eva" (142). Die weibliche Monstrosität wird nicht zugelassen. Weiblichkeit erscheint als Leerstelle und artikuliert sich als Frage nach der Möglichkeit weiblichen Schreibens und weiblicher Autobiographie. Vielleicht wäre der Ansatz, dass die Monstrosität nicht im Geschlechterarrangement zu finden ist, sondern in den Spaltungen und Verwerfungen des 'Selbst', befriedigender, vielleicht sollte man den Titel des Aufsatzes als Perspektive aufnehmen, denn dann könnte man behaupten: Das Monster ist das 'Selbst'.

Siehe auch: Autobiografie (D); Hybridität (D); Alterität (D); Repräsentation (D)

Literaturhinweise
•  Johnson, Barbara (1987): A World of Difference.
•  Johnson, Barbara (1994): The Wake of Deconstruction.
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]"






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