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Kieserling, André (1995): "Konstruktion als interdisziplinärer Begriff. Zum Theorieprogramm der Geschlechterforschung [kommentiert (ST)]", in: Pasero, Ursula / Braun, Friederike (Hg.): Konstruktion von Geschlecht. Pfaffenweiler: Centaurus, 89114.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

André Kieserling diskutiert das Problem der Interdisziplinarität in der Wissenschaft am Beispiel der Geschlechterforschung und betont, dass diese Differenzierung voraussetzt. Die Kategorie Geschlecht hat viele Dimensionen, wie zum Beispiel die Dimension von Körper, Psyche, Bewusstsein oder Kommunikation. Entsprechend differenziert werden "Geschlecht" und "Geschlechtlichkeit" von wissenschaftlichen Disziplinen wie der Biologie, der Psychologie oder der Soziologie beobachtet. Die wissenschaftliche Differenzierung in einzelne Disziplinen verläuft segmentär und unterläuft damit jegliche Möglichkeit ihrer Hierarchisierung. Parallel dazu weisen, wie Kieserling betont, Leben, Bewusstsein und Kommunikation ganz unterschiedliche Operationsweisen auf, so dass lebende, psychische und soziale Systeme nicht durch das jeweils andere System erklärt werden könnten. Reduktionistische Erklärungsstrategien werden genauso obsolet wie die Suche nach einer gemeinsamen letzten Realität.

Ausgehend von der operativen Geschlossenheit von Systemen argumentiert Kieserling deshalb systemtheoretisch für die Konstruktion als interdisziplinären Begriff. Denn ein segmentär differenziertes Wissenschaftssystem, so seine Position, kann nur durch nicht-reduktionistische Programme integriert werden. Mit der Theorie operativ geschlossener Systeme und ihrer Selbstkonstruktion lassen sich die systembildenden Operationen trennscharf beobachten. Es wird erkennbar, dass es für lebende, psychische und soziale Systeme keine operative Einheit gibt, es gibt "kein Supersystem des Menschen, das all diese Systeme als Teile seiner selbst in sich enthalten würde." Das Gemeinsame der Wissenschaftsdisziplinen kann nur im analogen Operationsmodus der Beobachtung, wie demselben Unterscheidungsschema Frau/Mann, liegen. Es gilt deshalb, die verschiedenen Konstruktionen von Geschlecht deutlicher zu unterscheiden und schärfer zu beobachten.

Die Beobachtbarkeit von Geschlecht als Konstruktion ist eine unmittelbare Folge gesellschaftlicher Differenzierung und des Wissenschaftssystems selbst. Erst die allgemeine Differenz von Wissenschaft und Gesellschaft erlaubt es, Selbstverständlichkeiten der Alltagswelt in Distanz zu setzen und als soziale Konstrukte zu reflektieren. In einem weiteren Schritt kann die intern differenzierte Wissenschaft noch einmal zu sich selbst auf Distanz gehen und ihre eigenen Konstruktionen des Forschungsalltags reflektieren. Hinsichtlich der gesellschaftlichen und politischen Wirksamkeit der Geschlechterforschung ist Kieserling skeptisch. Die Erkenntnis über die gesellschaftlich produzierten Geschlechterunterschiede und wissenschaftliche Erfolge der (konstruktivistischen) Geschlechterforschung sind seiner Ansicht nach kein Garant für deren Praxisnähe oder ihre politische Relevanz.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); System, psychisches (ST); Kommunikation (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1993): "Deconstruction as Second Order Observing"
•  Luhmann, Niklas (1995): "Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung"
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]"






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