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Krüll, Marianne (1990): "Das rekursive Denken im radikalen Konstruktivismus und im Feminismus [kommentiert (RK)]", in: Krüll, Marianne (Hg.): Wege aus der männlichen Wissenschaft. Perspektiven feministischer Erkenntnistheorie. Pfaffenweiler: Centaurus, 191-223..



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.12.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Marianne Krüll geht in diesem Artikel der Frage nach, in welcher Weise eine konstruktiv-kybernetische Beschreibung rekursiver Operationen für feministisches Denken interessant sein könnte. Während die Kybernetik 1. Ordnung am Modell der Homöostase (Systemerhaltung, Ausgleichen von Störfaktoren) orientiert ist, hat die Kybernetik 2. Ordnung (auch: Beobachtung 2. Ordnung) die Konstitution von Regelsystemen zum Thema und fragt nach den Mustern von Veränderungen. Auf dieser Ebene, so Krüll, könnte konstruktivistisches Denken für eine feministische Theoriebildung interessant werden, da bestimmte gesellschaftliche Metaphänomene als "struktur-verbindende Struktur" oder als "Muster der Veränderung von Mustern" erfasst und beschrieben werden könnten.

Krüll, die sich in ihren Ausführungen auf Humberto Maturana und Gregory Bateson bezieht, beschreibt den Prozess rekursiver Erkenntnis detailliert am Modell des Spracherwerbs. Krüll legt in diesem Zusammenhang dar, wie sich symbolische Bedeutung aus der kreiskausalen Kopplung der vier Ebenen Signal - Symbol - Selbstbewusstsein - Reflexion entwickelt, herstellt und transformieren, d.h. verändern kann. Auf Ebene 4 könnten durch rekursives Reflektieren von individuellen oder kollektiven Vorstellungen vorherrschende Denkstrukturen und Weltbilder überwunden werden, meint Krüll. Auf dieser Ebene könnten "wir" uns gemeinsam darauf einigen, dass "unsere" Realität eine andere sein soll. Leider hinterfragt Krüll dieses oft von ihr verwendete feministische "wir" nicht, sie verwendet diesen Plural, ohne auszuführen, auf wen sie sich dabei bezieht. Ein interessanter Punkt in ihrem Ansatz bezieht sich auf das Thema Körperlichkeit und Leiblichkeit. Auch sinnliche Erfahrungen werden als konsensuelle Konstrukte beschrieben wobei Differenzen zwischen weiblichen und männlichen Lebenswelten als Verkörperungen unterschiedlicher Erfahrungen angesehen werden, die, da prozessual hervorgebracht, auch potenziell veränderbar sind.

Für Krüll bietet der Gedanke der Rekursivität ein noch kaum genutztes theoretisches Potenzial. Sie ist eine von wenigen Autorinnen, die auf Argumente des Radikalen Konstruktivismus zurückgreift und für feministisches Denken nutzbar machen will. Über die Konstruiertheit der gesellschaftlichen Lebenswelt sind sich feministische Theorien auch ohne Rückgriff auf den radikalen Konstruktivismus einig, aber, so Krüll, mit dem kybernetisch-rekursiven Formalismus könne sich das feministische Denken ein 'theoretisch-argumentatives Rüstzeug' zunutze machen. Am Ende ihres Artikels fasst sie die für eine feministische Theoriebildung relevanten Punkte zusammen: Die Kybernetik 2. Ordnung biete erstens ein Modell der Beschreibung von Bewusstwerdungs- und Veränderungsprozessen. Konstruktivistisches Denken schließe zweitens Körperlichkeit und Leiblichkeit als in Geschichte und Sozialisation prozessual hervorgebracht mit ein. Und drittens: Rekursivität bzw. Reflexion schärfe das Bewusstsein für die Verantwortlichkeit gegenüber den Konsequenzen des eigenen Tuns und Handelns.

Dazu muss gesagt werden, dass, selbst wenn der Formalismus einer Kybernetik zweiter Ordnung (Rekursivität) zur Beschreibung von gesellschaftlichen Phänomenen herangezogen werden kann, es fraglich ist, ob dieser für eine feministische bzw. kritische Theoriebildung geeignet ist, da sich auf formal-deskriptiver Ebene keine normativ-ethischen Vorgaben oder gar Forderungen ableiten lassen - eines der wichtigsten Ziele von FeministInnen. Krüll übersieht, dass bei einer feministischen Liaison mit einem, wenn auch sehr ausdifferenzierten Formalismus die ethische Dimension argumentativ nicht fassbar ist, die Begründung warum sich in einem, an sich funktionierenden, System (z.B. Patriarchat) etwas ändern soll, kann nicht geleistet werden.






Siehe auch: Funktion (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Kognition (ST/RK); Rekursion (RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Verstehen (ST/RK); Viabilität (RK); System, soziales (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Macht (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Bürscher, Sabine (1996): "Die Radikalität der Erkenntnis. Feministische Theorieproduktion und Radikaler Konstruktivismus [kommentiert (RK)]"
•  Bateson, Gregory (1982): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit.
•  Bateson, Gregory (1985): Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven.
•  Foerster, Heinz von (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie.
•  Glasersfeld, Ernst von (1985): "Einführung in den radikalen Konstruktivismus [kommentiert (RK)]"
•  Glasersfeld, Ernst von (1997): Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme [kommentiert (RK)].
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1991): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
•  Moser, Sibylle (2001): "Vernetzte Beobachtungen, gesetzte Differenzen. Wissenschaftstheorie im Schnittpunkt von Feminismus und Konstruktivismus [kommentiert (RK)]"
•  Moser, Sibylle (2002): "Observing Differences, Embodying Knowledge. Radical Constructivism Meets Feminist Epistemology"






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