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Lacan, Jacques (1991): "Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint [kommentiert (D)]", in: Lacan, Jacques (Hg.): Schriften I. Bd. 1 Ausgew. und hg. von Nobert Haas. 3., korr. Aufl.. Weinheim/Berlin: Quadriga, 61-70 [Bericht für den 16. Internationalen Kongreß für Psychoanalyse in Zürich am 17. Juli 1949].

Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Lacans Thesen, die er schon Mitte der 30er Jahre entwickelt, jedoch erst 1949 vorgetragen hat, bilden einen konstanten Bezugspunkt sowohl für sein eigenes Schaffen als auch für die poststrukturalistische feministische Kritik.

In der imaginären Phase ist das Kleinkind symbiotisch mit dem Körper der Mutter verbunden und nimmt sich selbst nicht als Entität wahr. Das Imaginäre umfasst die gesamte vorsprachliche und präödipale Entwicklungsphase des Kindes, die durch unmittelbare Triebbefriedigung und Wunscherfüllung gekennzeichnet ist. In dieser Phase besitzt das Kind kein Selbstbewusstsein, trennt nicht das Ich vom Du. Dies ändert sich mit dem Eintritt in das Spiegelstadium, in dem der Prozess der Individuation in Gang gesetzt wird (6. bis 18. Monat). Das Spiegelstadium repräsentiert folglich einen fundamentalen Aspekt des Subjektivierungsprozessesund korreliert mit dem Eintritt in das paternale Gesetz der Sprache (Spracherwerb).

Die bis dahin disparate Identität des Kleinkindes, die Lacan auch als einen 'zerstückelten' Körper fasst, konstituiert sich über die zentrierende Kraft des Spiegelbildes als Ganzes. Das Kind erkennt sein eigenes Bild als solches und tut dieses Erkennen "jubilatorisch" kund (63). Das Andere im Spiegel ermöglicht die Wahrnehmung eines Ich und gerade diese Spaltung zwischen Ich und dem Anderen wird zur Ursache eines identifikatorischen Prozesses. "Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen [...], als eine beim Subjekt durch Aufnahme des Bildes ausgelöste Verwandlung" (64). Im gleichen Maße wie das Ich wahrgenommen wird, erweist es sich als prozesshaftes, abhängiges Sozialisationsprodukt. Der Spiegel suggeriert eine "wahnhafte Identität" (67), die keine autonome Wesenheit ist, sondern permanent auf das Andere (im Spiegel), auf die Außenwelt verweist. Um diesem Identitätswahn zu entrinnen, muss das Kind die Phase des Imaginären überwinden und in die symbolische Ordnung eintreten. Dem Kind wird als Ersatz für den Verlust der unmittelbaren Befriedigung seiner Bedürfnisse im Körperkontakt mit der Mutter die Sprache angeboten, die wie die Ordnung der Geschlechter vom 'Gesetz des Vaters' beherrscht wird.

Das Lacansche Modell des Subjektivierungsprozesses gilt folglich nicht in gleicher Weise für beide Geschlechter, denn der Prozess unterliegt dem Primat des Phallus (vgl. Lacan "Die Bedeutung des Phallus"), der die Frau immer auf den Ort des Anderen verweist. Nicht zuletzt an diesem Punkt setzt die breite feministische Kritik an Lacan an.

Siehe auch: Subjekt (D); Sprache (D); Alterität (D); Identität (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Felman, Shoshana (1983): The Literary Speech Act. Don Juan with J. L. Austin, or Seduction in Two Languages [kommentiert (D)].






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