Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Leupold, Andrea (1983): "Liebe und Partnerschaft. Formen der Codierung von Ehen [kommentiert (ST)]", in: Zeitschrift für Soziologie 12, 297-327.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Andrea Leupold fragt in ihrem Aufsatz, an Luhmanns (1982) Überlegungen zur Evolution der Liebessemantik in der Moderne anknüpfend, nach dem Verschränkungsverhältnis und der strukturierenden Wirkung der beiden Leitsemantiken (Codes) "Partnerschaft" und "romanti-sche Liebe" in der gegenwärtigen Ehe. War die Liebe ursprünglich als semantischer Code für außereheliche Beziehungen entwickelt worden, so wird sie im ausgehenden 18. und während des 19. Jahrhunderts zunehmend trivialisiert und zum Ehegründungsprinzip. Diese institutio-nalisierte Engführung der Liebe auf Ehe führt zu einer Intimisierung der Ehe, die in der Er-wartungsbildung der Ehepartner eine Verlagerung von der Rolle auf die Person bewirkt. Doch diese neuartige Pflicht zur Intimität in der Ehe führt mit der Zeit zu einer problematischen regressiven Selbstvereinfachung der Ehe. Denn die eigene Ehe erscheint in ihren Routinen zunehmend belanglos, und die erhoffte Bestätigung und Achtung der eigenen Person wird oft nur noch in außerehelichen sozialen Kontakten erfahren.

Im 20. Jahrhundert werden Ehe und Familie darum vermehrt zum Problem. Als Krisenin-dikator dienen steigende Scheidungsraten. Der relativen Unsicherheit intimer und ehelicher Beziehungen, der steten Gefahr ihres Scheiterns als Folge einer wachsenden Individualisierung, wird der Begriff der "Partnerschaft" entgegengestellt bzw. der Liebe an die Seite gestellt. Partnerschaft fungiert als ein eheinternes "Symmetrieideal", das nach außen die Systemgrenze zwischen der Ehe und seiner sozialen Umwelt markiert. Diese Grenzziehung erlaubt es, die Frage zu klären, was überhaupt zur Ehe gehört, und öffnet die Ehe für außereheliche Interaktionen und BezugspartnerInnen. Durch diese Öffnung der Systemgrenzen entsteht als neue Form die "offene Ehe", welche die alte Liebesdyade in zwei autonome Individuen dekomponiert. Dies führt zu Autonomiegewinnen, welche die Gleichheit der EhepartnerInnen hinsichtlich ihrer Rechte und ihres Anspruchs auf Selbstverwirklichung forcieren.

Steckt in der romantische Liebe das Ideal der vollkommenen Hingabe und damit auch das Risiko des vollkommenen Scheiterns, so zeichnet sich die Partnerschaft durch den Vorrang der individuellen Selbsverwirklichung aus, sie ist weniger risikofreudig und wird zum Sekundär- oder auch Reformschematismus in der Ehe. Andererseits führt Liebe nicht länger notwendig zur Bindung fürs Leben, sondern eröffnet die Möglichkeit zum voraussetzungslosen und spontanen Beginn von Intimität mit begrenzten Zeithorizonten. Partnerschaft stellt um auf Lernen und Temporalisierung. Verbrauchte oder enttäuschte Beziehungen werden abgelöst durch neue Beziehungen. Scheidung oder Trennung ist nicht länger ein Scheitern oder Versagen. Mit dem Ende einer Partnerschaft beginnt das Vorspiel einer neuen Liebe und Partnerschaft.

Siehe auch: Differenzierung, funktionale (ST); Funktion (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Semantik (ST)

Literaturhinweise
•  Luhmann, Niklas (1981): "Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften"
•  Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)].






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive