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List, Elisabeth (1997): "Das lebendige Selbst. Leiblichkeit, Subjektivität und Geschlecht [kommentiert (RK)]", in: Stoller, Silvia / Vetter, Helmuth (Hg.): Phänomenologie und Geschlechterdifferenz. Wien: WUV-Universitätsverlag, 292-318.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Dieser Artikel von Elisabeth List ist ein interessanter Beitrag zur Rekonzeptualisierung des Subjektbegriffs. List konstatiert seit den Arbeiten des Phänomenologen Merleau-Ponty eine Hinwendung zum "Feld prädiskursiver Phänomene leibhaften Zur-Welt-Seins" (292). Dieser prädiskursive Phänomenbereich umfasst nach List alle vorsprachlichen Leistungen, die der kategorialen Subjekt-Objekt Trennung vorausliegen, wie z.B. sensomotorische Koordinationsleistungen. Die Hauptintention von List besteht darin zu zeigen, dass die Erfahrung von Subjektivität und Leiblichkeit nicht ausschließlich auf der diskursiven Ebene der symbolischen Ordnung zu verorten ist. List vermittelt phänomenologische und kognitionswissenschaftliche Ansätze zu einer Theorie der Subjektivität und diskutiert zunächst das Modell eines vitalen vorsprachlichen "Protoselbst", das sie im Bereich des Vorsymbolischen ansiedelt. Dieses Protoselbst, so List, bilde während der ganzen Lebensgeschichte die prädiskursive leibliche Grundlage des Individuums. List versucht vorab bestimmten Missverständnissen, welche diese "Wende zum Prädiskursiven" hervorrufen könnte, entgegenzuwirken und betont, dass dieser Ansatz nicht eine Rückkehr zu einem neuen Naturalismus oder Biologismus intendiere, sondern dass es ihr darum gehe, zu klären, "wie sich die Genese des Selbst aus den Strukturen des Leiblich-Lebendigen verstehen läßt" (293). List fasst diese Selbstwerdung als dynamischen Prozess, als Kontinuum von steigender Komplexität auf und will die Emergenz des Psychischen und Symbolischen aus dem Prädiskursiven rekonstruieren.

Eine "Konzeption des Selbst am Leitfaden der Leiblichkeit" (296) sei, so List, von zentraler Bedeutung für eine philosophische und vor allem für eine feministische Analyse der Zusammenhänge von Leib, Selbst und Geschlecht, wobei sie nicht bestreitet, dass Körper und Leiblichkeit nur vermittelt durch die symbolische Ordnung zugänglich sind. Sie will aber gleichzeitig auf jene Defizite aufmerksam machen, in die postmoderne Positionen geraten, die den Subjektbegriff auf die symbolische Ordnung reduzieren und Leiblichkeit als bloß diskursive Effekte postulieren. Die grundlegende Bedeutung von Leiblichkeit für die kognitive Wirklichkeitskonstruktion erläutert List anhand des Modells der sensormotorischen Schemata von Marc Johnson, der wiederum auf die Theorien von Kant (Schemabegriff) und Piaget (genetische Epistemologie) zurückgreift. Die vorbegrifflichen Vorstellungsschemata (Raum, Zeit, Bewegung) konstituieren eine Ebene kognitiver (Wahrnehmungs-)Organisation, die propositionalen Wissensgehalten vorangehen.

Schemata von Körperwahrnehmung werden in einem Koordinatensystem gesellschaftlich konditionierter Vorgaben sprachlich bzw. symbolisch interpretiert. Zur Genese der Geschlechterdifferenz hält List fest, dass die Kategorie des Geschlechts zur Ordnung des Symbolischen gehöre. Kulturell verankerte Geschlechterzuschreibungen überlagern vordiskursive, leibgebundene Orientierungs- und Vorstellungsschemata, die wegen ihrer Universalität zur "Besetzung mit kulturellen Bildern des Männlichen und Weiblichen" (309) geradezu prädestiniert sind. Die Erfahrung von Geschlechtlichkeit ist zwar eng an die Erfahrung von Körperlichkeit gebunden, die argumentative Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kategorie "Geschlecht" erfolgt jedoch auf der Ebene der symbolischen Ordnung. Lists Ansatz sowie die Kritik an einer rein symbolischen Verortung des Subjektbegriffs teilen mittlerweile auch andere Theoretikerinnen wie Veronika Vasterling oder Renate Dürr.







Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Kognition (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Subjekt (ST/RK); Schema (RK); Konstruktion (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Enactment (RK); Evolution (ST/RK); Wissen (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); System, soziales (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Dürr, Renate (2001): "Sex und Gender als Interpretationskonstrukte [kommentiert (RK)]"
•  Johnson, Mark (1987): The Body in the Mind.
•  Merleau-Ponty, Maurice (1974): Phänomenologie der Wahrnehmung.
•  Metzinger, Thomas (1993): Subjekt und Selbstmodell. Die Perspektivität phänomenalen Bewusstseins auf dem Hintergrund einer naturalistischen Theorie mentaler Repräsentationen.
•  Nagl-Docekal, Herta / Vetter, Helmuth (1987): Tod des Subjekts?.
•  Varela, Francisco / Thompson, Evan / Rosch, Eleanor (1991): The Embodied Mind. Cognitive Science And Human Experience.
•  Vasterling, Veronica (2001): "Judith Butlers radikaler Konstruktivismus Einige kritische Überlegungen"






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