Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)]. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Niklas Luhmanns Buch über die "Liebe als Passion" gehört zum Komplex seiner historisch-semantischen Analysen, die unter dem Titel "Gesellschaftsstruktur und Semantik" in vier Bänden erschienen sind. Es geht ihm darin um Beobachtungen der Interdependenz von Gesellschaftsstrukturen und Semantiken, in der alte Namen fortleben, während das mit ihnen Bezeichnete sich verändert. Dadurch müssen strukturelle Diskontinuitäten, die gesellschaftlich noch nicht sicher beobachtet werden können, nicht gleich als solche markiert werden, sondern vorerst verändern nur die Semantiken, verstanden als Ideen- und Begriffswelt, ihre Bedeutung. Die Beobachtung richtet sich auf gesellschaftlichen Sinn typisierende Semantiken, nicht auf Ereignisse und soziale Tatsachen, letztlich also auf Sinnbewegungen und Sinnverschiebungen im historischen Prozess.

Beim Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzierung in den europäischen Gesellschaften kommt es seit Beginn des 17. Jahrhunderts zu einer veränderten Semantik, die nunmehr auf Gleichheit abstellt. Das aufstrebende Bürgertum sucht nicht länger Orientierung bei der alten Oberschicht, sondern es entwickelt eigene Vorstellungen und Ideale. Vor allem kommt es zu einer fortschreitenden Tendenz der Rationalisierung, von der auch die Evolution der Liebessemantik nicht ausgenommen bleibt. Sie reicht von einer Idealisierung der Liebe über Vorstellungen der Passion, romantischer Liebe und sozialer Egalisierung der Liebenden bis hin zur Trivialisierung der Liebe und der modernen "Ideologie der Reproduktion". Hatten Liebe und Ehe in früheren Zeiten nichts miteinander zu tun, ja wurde die Ehe gar als Ende der Liebe angesehen, so werden sie in der bürgerlichen Gesellschaft seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusammengebracht, und im 19. Jahrhundert wird Liebe schließlich zum Grund für die Eheschließung. Ein solcher Sinnwandel löst die Ehe aus ihren traditionellen und generationsübergreifenden Bindungen in der Familie. Die Ehe eröffnet nun jeder Generation die Neugründung einer Familie, und die Verbindung von Liebe und Ehe sieht bereits eine Gleich(heitsvor)stellung von Mann und Frau vor.

Um das zahlreiche historische Material, das zu dieser Untersuchung herangezogen wurde, "zum Sprechen bringen [zu] können", beobachtet Luhmann Liebe nicht als Gefühl, sondern als Medium und als Kommunikationscode von Intimität. Der Liebesbegriff markiert die Differenz von persönlichen, intimen Sozialbeziehungen auf der einen Seite und unpersönlichen, extern motivierten auf der anderen Seite. Sexualität wird dabei als anthropologische Grund-voraussetzung angenommen, sie erklärt jedoch nicht die Motivlage selbst. Denn "Motive ent-stehen nicht unabhängig von der Semantik, die ihre Möglichkeit, Selbstverständlichkeit, Er-füllbarkeit beschreibt." Es bedarf dieser "semantischen Reduktion" der Liebe, um sie als Er-wartungen und Verhalten konditionierenden Code zu beobachten und sie auf diese Weise der soziologischen Analyse "konkret" zugänglich zu machen

Siehe auch: Struktur (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Form/Medium (ST); Sinn (ST)

Literaturhinweise
•  Fuchs, Peter (1999): Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme [kommentiert (ST)].
•  Jokisch, Rodrigo (2001): "Wie ist Geschlecht möglich? Zur Beobachtung von 'Sexualität' und 'Geschlecht' [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): "Sozialsystem Familie [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1995): "Wahrnehmung und Kommunikation sexueller Interessen"
•  Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände [kommentiert (ST)].






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive