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Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]", in: Zeitschrift für Soziologie 17 (1), 4771.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Niklas Luhmann beschäftigt sich im vorliegenden Aufsatz teils ironisch, teils polemisch mit der seinerzeit sich etablierenden "Frauenforschung", und hält ihr vor, die logischen Grundlagen für ihre Forschungsabsichten nicht geklärt zu haben. Als ihr zentrales Problem erachtet er das "ungewöhnlich hohe Maß an Selbstreferenz" und die enge Verbindung zur Frauenbewegung, was dann zu Reflexionsverlegenheiten führt, die durch Aktionismus kaschiert werden, jedoch keine strukturbildende Wirkung haben. Als Ausweg schlägt Luhmann der "Frauenforschung" eine Beschäftigung mit den "Gesetzen der Form" (Laws of Form) von George Spencer Brown (1971) vor. Denn nur eine solche Metaprotologik könne helfen, "die Ideologieabhängigkeit und die faktischen Bedingungen der Frauenforschung in ein und demselben Überlegungsgang [zu] klären."

Bereits in "Soziale Systeme" (1984) arbeitet Luhmann mit der operativen Logik Spencer Browns, doch der vorliegende Aufsatz bietet am Beispiel der Geschlechterdifferenz eine sys-tematische Einführung in die soziologische Anwendung der "Gesetze der Form". Die Ab-handlung ist historisch-systematisch in seine Überlegungen zum Zusammenhang von "Gesell-schaftsstruktur und Semantik" eingebettet. Ausgehend von der Umstellung der Gesellschaft von stratifikatorischer auf funktionale Differenzierung in der Moderne untersucht Luhmann die daraus resultierenden semantischen Irritationen. Erfolgte in der ständischen Gesellschaft die Repräsentation der Ordnung noch asymmetrisch und konkurrenzlos durch den Mann, so wird dieser Struktur mit "dem Umbau der Gesellschaft in Richtung auf eine primär funktionale Differenzierung [...] allmählich ihre Plausibilität entzogen." Parallel dazu erfolgt eine semantische Umstellung von Hierarchie auf Gleichheit, die erstmalig in der Geschichte Frauen und Männer in Konkurrenz zueinander treten lässt. Erst jetzt, "wenn das Geschlecht keinen Unterschied mehr macht, darf es dann auch keinen Unterschied mehr machen." Die nunmehr auf Gleichheit genormte Semantik bricht sich aber am asymmetrischen Beharrungsvermögen gesellschaftlicher (männlicher?) Strukturen der Gender Trouble ist vorprogrammiert.

Nach Luhmanns Meinung stagniert die "Ideologie der Gleichheit" deshalb in Form einer stationären Logik in der Unterscheidung Mann/Frau, sie führt zum Paradox der Ununter-scheidbarkeit des Unterschiedenen. Zur Auflösung dieser Paradoxie durch ein Prozessieren der Unterscheidung schlägt er Spencer Browns operative Logik vor, die es unter Inanspruchnahme von Zeit erlaubt, die beiden Seiten der Unterscheidung für eine Beobachtung zu wechseln (crossing), sowie den Wiedereintritt der Unterscheidung in die Unterscheidung (re-entry) zu leisten. Mit dieser Vorgangsweise empfiehlt er der Frauenbewegung, "den Leitfaden der Beobachtung nicht in den Zielen, sondern in den Unterscheidungen zu finden, mit denen die Bewegung ihre Informationsbearbeitung strukturiert." Dies könnte helfen, von dem "unge-wöhnlich hohen Maß an Selbstreferenz" zu einer erkenntnisreicheren Selbstreflexion zu ge-langen. Und der Frauenforschung müsste es letztlich gelingen, "sich zunächst von der Mann/Frau-Unterscheidung [zu] distanzieren [...], und zwar mit Hilfe der Unterscheidung von interner und externer Beobachtung der Frauenbewegung. [...] Ein solches Unterscheiden von der Unterscheidung ist in der Logik von Spencer Brown nicht vorgesehen."

Siehe auch: De-Ontologisierung (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Beobachtung (ST/RK); Re-entry (ST); Schema (RK); Semantik (ST); Selbst-/Fremdreferenz (ST); System/Umwelt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Jokisch, Rodrigo (2001): "Wie ist Geschlecht möglich? Zur Beobachtung von 'Sexualität' und 'Geschlecht' [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1990): "Sozialsystem Familie [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1995): "Wahrnehmung und Kommunikation sexueller Interessen"
•  Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände [kommentiert (ST)].






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