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Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)]. Frankfurt/M.: Suhrkamp.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Die Wissenschaft der Gesellschaft bildet ein "Kapitel" des dritten Teils einer umfassenden (dreiteiligen) Theorie der Gesellschaft. Deren theoretische Grundlegung erfolgte mit "Soziale Systeme" (1984) und im Anschluss an das darin entwickelte allgemeine Theoriemodell folgte die systematische Ausarbeitung einer mit der Systemreferenz Gesellschaft operierenden Theorie in "Die Gesellschaft der Gesellschaft" (1997). Vom dritten Teil hatte Luhmann zwischenzeitlich einige "Kapitel", d.h. Analysen einzelner Funktionssysteme vorgezogen Die "Wirtschaft der Gesellschaft" (1988), Die "Wissenschaft der Gesellschaft" (1990), "Das Recht der Gesellschaft "(1993), "Die Kunst der Gesellschaft "(1995), posthum erschienen "Die Religion der Gesellschaft "(2000) und "Die Politik der Gesellschaft "(2000). Dieses über 5000 Seiten umfassende "Konvolut" bildet den Kern der luhmannschen Gesellschaftstheorie.

Im vorliegenden Buch wird, ausgehend von der allgemeinen Theorie autopoietischer Sozialsysteme, die Wissenschaft der Gesellschaft als ein "wissenförderndes" Funktionssystem der Gesellschaft untersucht. Dazu wird historisch die Ausdifferenzierung der Wissenschaft zu einem operativ geschlossenen System nachgezeichnet, das mittels eines eigenen Codes selbstständig diskriminiert, was wahr oder unwahr ist. Aufgrund der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft und einem zunehmenden Verlust an Seinsgewissheiten in der Neuzeit und Moderne entstehen vermehrt Reflexionstheorien, mit deren Hilfe die Wissenschaft die notwendigen Selbstbeschreibungen der Gesellschaft zu erbringen versucht. Es kommt zu einer sukzessiven Umstellung von Ontologie auf Bewusstseinsphilosophie und Reflexion, von "Was-Fragen" auf Wie-Fragen". Statt der unmittelbaren Beobachtung oder des "Wesens" der Dinge, wird vermehrt das eigene Beobachten beobachtet und es werden die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis reflektiert.

Theorien dienen dabei als Orientierung und sind "mithin ein universales Merkmal der Zugehörigkeit zum Wissenschaftssystem". Sie sind komplexe Programme, die sich zwar auf Realität beziehen, aber nicht als "Außenwelt", sondern als System/Umwelt-Differenz. Und sie selber benötigen keine Zweiwertigkeit, um den binären Wahrheits-Code geltend zu machen, sondern zur Unterscheidung von wahr und unwahr werden Methoden als ein weiteres Programm herangezogen. "Sie erzwingen eine Verlagerung des Beobachtens auf die Ebenen einer Selbstbeobachtung zweiter Ordnung, auf die Ebene des Beobachtens eigener Beobachtungen." Wissenschaft ist dann ein historischer Kommunikationsprozess von (wahr/unwahr-) Unterscheidungen, und "Die Methodologie formuliert [die] Programme für eine [solche] historische Maschine." In einem solchen autopoietischen Kommunikationsprozess verliert auch der Mensch seine privilegierte Position als Urheber oder Subjekt der Kommunikation, sondern für ihn gilt, als nunmehr konstitutiver Teil der Umwelt der Gesellschaft, "Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren."

Alles soziale Geschehen, auch die Beobachtung der Gesellschaft durch die Wissenschaft, ist also als Kommunikation konzipiert. Das führt dazu, dass die wissenschaftliche Kommunikation in ihrem eigenen Gegenstand wiederkehrt. Dies hat weitreichende erkenntnistheoretische Konsequenzen, denn Wissenschaft als Beobachterin verliert ihre überlegene Position des besseren Erkennens und Wissens, sie ist nur noch eine Beobachterin zweiter Ordnung wie viele andere auch, die eben nur das beobachten kann, was sie aufgrund ihrer spezifischen Beobachterperspektive beobachten kann, während andere beobachten können, was sie nicht beobachten kann. Wissenschaft und Theoriebildung werden damit nicht beliebig, aber ein Anspruch auf alleinige Gültigkeit oder bessere Erkenntnis wird unhaltbar. In diesem Sinne beansprucht die luhmannsche Systemtheorie Universalität auch nur für den Gegenstandsbereich der Beobachtung und Beschreibung, aber keine universale Geltung oder Wahrheit.

Siehe auch: Ereignis (ST); Beobachtung (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Evolution (ST/RK); Funktion (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Re-entry (ST); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Struktur (ST/RK); Subjekt (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); Wissen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Krohn, Wolfgang / Küppers, Günter (1989): Die Selbstorganisation der Wissenschaft.
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände [kommentiert (ST)].
•  Schmidt, Siegfried J. (1998): Die Zähmung des Blicks. Konstruktivismus-Empirie-Wissenschaft [kommentiert (RK)].






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