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Maturana, Humberto R. (1987): "Kognition [kommentiert (RK)]", in: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 89-118. [engl.: "Cognition", in: Hejl, Peter M. / Köck, Wolfram K. / Roth, Gerhard (Hg.) (1978): Wahrnehmung und Kommunikation. Frankfurt a. Main/New York, 29-49].



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Maturana widmet sich in diesem Aufsatz einer Beschreibung des Phänomens der menschlichen Kognition aus biologischer Sicht. Die Auffassung von Kognition als biologisches Phänomen impliziert eine Umformulierung traditioneller philosophischer Fragen nach der Objektivität von Erkenntnis. Im Kontext einer Biologie der Erkenntnis geht es nicht um Bedeutung oder Wahrheit, sondern um Funktionen, Strukturen und Prozesse von Systemen, semantische Fragen werden dabei in strukturelle Fragen übergeleitet. Wegen der von Maturana entwickelten bioepistemologischen Terminologie ist dieser Text sprachlich nicht so leicht zugänglich wie Texte von anderen konstruktivistischen Theoretikern und erfordert mitunter ein mehrmaliges Lesen.

Maturanas Argumentation beginnt mit der Entwicklung eines Begriffsinstrumentariums und der Formulierung folgender Ausgangsfrage: "Welche Art Systeme sind lebende Systeme und wie operieren sie?" (92) Im Zentrum seiner Überlegung steht das Konzept der Autopoiesis als "Netzwerk von Interaktionen, die rekursiv das Netzwerk von Produktionen bilden und verwirklichen, welches sie selbst produziert hat." (vgl. 94) Alle lebenden Systeme befinden sich in struktureller Kopplung (Wechselwirkung) mit dem sie umgebenden Medium. Lebewesen müssen sich kontinuierlich selbst erhalten, um ihre Grenzen zu bewahren. Auf diesem Theoriekern baut Maturana im nächsten Schritt die Erklärung des Phänomens der Kognition auf und kommt zu einer ersten Definition: Kognition bedeutet für ein Lebewesen zunächst in der Lage zu sein, seine Einheit unter dem (Stör-)Einfluss von Außenreizen ("Perturbationen") zu erhalten, Kognition bedeutet erfolgreiches Verhalten in einem Medium: "Kognizieren (cognite) heißt leben, und leben heißt kognizieren." (114) Das Medium kann Veränderungen in den Strukturen des Lebewesens auslösen, es kann über Störfaktoren einwirken, aber es kann Veränderungen nicht determinieren. Das bedeutet, dass lebende Systeme organisationell geschlossen sind, sie verarbeiten eintreffende Reize aus dem Medium gemäß eigener strukturinterner Muster. Die strukturelle Kopplung mit dem Medium gibt einerseits den Rahmen der potenziellen Veränderungen vor und verwirklicht andererseits eine dauernde Stabilisierung der autopoietischen Organisation.

Am Beispiel des Nervensystems, das Maturana als geschlossenes System neuronaler Vernetzung beschreibt, werden die Zusammenhänge von Autopoiesis und Kognition näher erläutert und auf die Bereiche des Bewusstseins und der Sprache ausgeweitet. Im Austausch mit anderen Organismen entwickeln lebende Systeme Bereiche koordinierten Verhaltens, sie lösen wechselseitig Strukturveränderungen aus und entwickeln dadurch "konsensuelle Bereiche". Diese funktionieren aus der Perspektive der Beobachtung wie sprachliche Bereiche. Von Sprache im Sinne menschlicher Kommunikation spricht Maturana aber erst, wenn Beschreibungen sich rekursiv auf sich selbst beziehen. In diesem Metabereich der "Beschreibungen von Beschreibungen" wird Beobachtung generiert: "Beobachter sein heißt, in einem metasprachlichen Bereich operieren und Unterscheidungen von Unterscheidungen oder Bestimmungen von Bestimmungen zu machen" (110). Auf der Basis dieses Konzepts geht Maturana am Ende des Artikels auf seine konstruktivistischen Interpretationen von Objektivität, Determinismus, Freiheit, Kreativität und Ethik ein.







Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Mediensystem (RK); Subjekt (ST/RK); Zeichen (ST/RK); Verstehen (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); Viabilität (RK)

Literaturhinweise
•  Maturana, Humberto R. (1987): "Biologie der Sozialität [kommentiert (RK)]"
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1991): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
•  Maturana, Humberto R. / Verden-Zöller, Gerda (1996): "Biology of Love"
•  Riegas, Volker / Vetter, Christian (Hg.) (1990): Zur Biologie der Kognition. Ein Gespräch mit Humberto R. Maturana und Beiträge zur Diskussion seines Werkes.
•  Stewart, John (2001): "Radical Constructivism in Biology and Cognitive Science"
•  Zeleny, Milan (Hg.) (1981): Autopoiesis. A Theory of Living Organization.

Externe Links
•  Hompage Humberto R. Maturana





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