Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]", in: Vinken, Barbara (Hg.): Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 436-476.



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Menke unternimmt in diesem Text den Versuch einer 'Standortbestimmung' des dekonstruktiven Feminismus als einer Theorie, die sich vom so genannten traditionellen Feminismus, der die Frau als Opfer sozialer, politischer und diskursiver Unterdrückungsmechanismen zum Thema hat, ebenso unterscheidet wie vom französischen Feminismus (etwa Irigarays), der die Unterdrückung der Frau über ihre soziokulturelle 'Realität' hinausgehend "in der Fundierung des Denkens selbst und in jenen sprachlichen Vorgängen, in denen Bedeutungen produziert w[erden]", lokalisiert (436). Denn auch wenn Weiblichkeit nicht (mehr) als eine "natürliche Unmittelbarkeit" aufgefasst wird, so wird sie doch als 'Gegebenheit' vorausgesetzt. Während der traditionelle Feminismus davon ausgeht, dass es 'die Frau' gibt und damit einen Ort, "von dem die (auch theoretische) Rede der Frau ergehe", problematisiert der dekonstruktive Feminismus 'die Frau' als Objekt und Subjekt der (theoretischen) Rede und damit auch den Status seines eigenen Diskurses. Das Weibliche verweist nicht auf einen verborgenen Ort oder eine unterdrückte Möglichkeit, sondern wird als Effekt diskursiver und sprachlicher Anordnungen aufgefasst.

Indem der dekonstruktive Feminismus der Frage nachgeht, was es heißt, 'als Frau' zu sprechen, markiert und thematisiert er gerade den blinden Fleck des traditionellen Feminismus, d.h. konkret die sprachliche und rhetorische Verfasstheit seiner (stillschweigenden) Voraussetzungen. Die Geste, mit der der traditionelle Feminismus vorgibt im Namen der Frauen zu sprechen und mit der er sich selbst eine Stimme verleiht, beruht auf einer rhetorischen Figur, der Prosopopöie, die das Subjekt der Rede überhaupt erst konstituiert. Diese figurative Operation wird dadurch verdeckt und verstellt, dass sie das, was sie als ihren erst Effekt konstituiert, als (immer schon) gegeben erscheinen lässt. In diesem Sinne ist jede Figuration immer auch Dis- bzw. Defiguration.

Was als "naturgegebener Unterschied" im traditionellen Feminismus immer noch der Konstruktion des (sozialen) Geschlechts zu Grunde liegt, wird im dekonstruktiven Feminismus als Effekt kultureller Anordnungen, als Figuration "im Sinne einer neuen Rhetorik" lesbar (438). Die dekonstruktive Theorie wird bei Menke zu einem "Re-Reading im doppelten Sinne des Wieder- und Gegenlesens" jeglicher Identitätskonstruktionen (438); die Literatur bzw. der literarische Text ist der bevorzugte Ort der dekonstruktiven Lektüre. Eine derartige Lektürepraxis erfordert die Aufmerksamkeit für die rhetorische bzw. tropologische Dimension der Sprache. Rhetorik wird hier nicht mehr im klassischen Sinne als die bewusste Kontrolle der Sprache durch ein intentionales Subjekt verstanden, sondern im Anschluss an de Man als eine unhintergehbare Eigenschaft der Sprache selbst. Menke stützt sich in ihrer Argumentation vor allem auf de Mans Rhetorikkonzeption in Allegories of Reading und erkennt im unentscheidbaren Wechselspiel zwischen literaler und figurativer Bedeutung die "gegenläufige[n] 'Dimensionen' der Sprache", die jedes "semantische Verstehen" irritieren (439).

Die wesentlichen Einsicht des dekonstruktiven Feminismus ist folglich, dass er "in der Lektüre des blinden Flecks sich vor der Struktur der Blindheit selbst letztlich nicht rettet und nicht retten kann" (437). Damit scheint der dekonstruktive Feminismus einen quasi-metatheoretischen Status einzunehmen. Ebenso wie die Literatur ist er weniger blind als andere Diskursformen, da er gerade die grundlegende Struktur der Blindheit selbst zum Thema hat (Nünning 2001, "de Man, Paul"). Ungeachtet seines ausgesprochen hohen und komplexen Reflexionsniveaus kann und will der dekonstruktive Feminismus seinen eigenen rhetorischen Konstitutionsprozess nur aporetisch-apodiktisch formulieren: "Die Stimme der Frau kann nicht Prosopopöie sein und kann doch nichts anderes als eine solche sein."

Siehe auch: Rhetorik (D); Aporie (D); Dekonstruktion (D); Différance (D); Subjekt (D); Lektüre (D)

Literaturhinweise
•  de Man, Paul (1979): "Semiology and Rhetoric [kommentiert (D)]"
•  de Man, Paul (1984): "Autobiography as De-facement [kommentiert (D)]"
•  Felman, Shoshana (1992): "Weiblichkeit wiederlesen [kommentiert (D)]"
•  Menke, Bettine (1995): "Dekonstruktion der Geschlechteropposition das Denken der Geschlechterdifferenz. Derrida [kommentiert (D)]"






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive