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Menke, Bettine (1995): "Dekonstruktion der Geschlechteropposition das Denken der Geschlechterdifferenz. Derrida [kommentiert (D)]", in: Haas, Erika (Hg.): "Verwirrung der Geschlechter". Dekonstruktion in der Wissenschaft. München u.a.: Profil, 35-68.



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Menkes Artikel bietet einen guten, allerdings sehr komprimierten Überblick über das Vokabular und die Denkfiguren der Dekonstruktion und der dekonstruktiven Literaturtheorie. Zugleich skizziert sie das 'Programm' eines dekonstruktiven Feminismus, wobei sie vor allem auf die Arbeiten Felmans und Johnsons sowie auf ihren eigenen Artikel "Verstellt: Der Ort der 'Frau'" verweist. Im Mittelpunkt ihrer Argumentation steht die ausführliche Relektüre von Derridas Essay "Sporen. Die Stile Nietzsches".

Menke versteht, wie auch Barbara Vinken in ihrer Einleitung zum Sammelband Dekonstruktiver Feminismus, die Dekonstruktion als eine Lektürepraxis. Für die 'Ordnung der Geschlechter' bedeutet dies, vermeintlich vorgegebene und natürliche Identitäten als Produkte einer (männlichen) Logik der Identität lesbar zu machen und das figurative Modell ihrer Konstruktion zu subvertieren und zu defigurieren. Am 'Ende' dieses Prozesses steht nicht die einfache Umkehrung der binär hierarchisierten Oppositionen wie Präsenz/Absenz, Wahrheit/Irrtum, Geist/Materie, eigentlich/uneigentlich, männlich/weiblich, in der der zweite Term "jeweils als die bloß negative, korrupte und unliebsame Version des ersten" bestimmt ist (39), sondern das Spiel nicht oppositiver unentscheidbarer Differenzen. Weiblichkeit ist nicht das Gegenteil von Männlichkeit, sondern, so Menke mit Felman, als sein Unheimliches das, was "den Gegensatz von Männlichkeit und Weiblichkeit subvertiert" (41). Das heißt jedoch nicht, dass die Dekonstruktion einer binären Opposition jede Differenz auflöst und negiert; vielmehr unternimmt sie den Versuch, "den subtilen, mächtigen Effekten von Differenzen nachzugehen, die in der Illusion einer binären Opposition bereits am Werk sind." (42)

Menkes These ist, dass in derselben Weise, wie die Dekonstruktion die Ordnung der Geschlechter destruiert und rekonstruiert, d.h. liest und subvertiert, auch der Feminismus selbst dekonstruktiv werden muss. Das heißt, dass 'Frau' weder als objektives und von vornherein gegebenes Objekt der Theorie noch als Subjekt der theoretischen Rede vorausgesetzt werden kann. Die Dekonstruktion bezieht die feministische Position in ihre Reflexion mit ein (43).

An diesem Punkt trifft sich der dekonstruktive Feminismus als ein literaturwissenschaftliches Unternehmen mit der diskurs- und machtanalytischen Position Butlers, die gerade in der Infragestellung der Identitätskategorie "Frau" nicht das Scheitern, sondern die Bedingung der Möglichkeit jeder feministischen Theorie und Politik sieht. Den Ort der Frau, der weiblichen Rede und damit der feministischen Theorie 'gibt' es nicht; er ist eine Grenzlinie, "ein interner Abstand, eine Differenz von sich selbst". Ebenso wie dieser Ort nicht als selbstidentischer einzunehmen ist, "'gibt' es aber auch umgekehrt männliche Identität nicht - oder 'nur' als Effekt eines Konstitutionsprozesses, in dem die weibliche Differenz 'immer schon' interveniert hat und sich eingeschrieben hat." (62)

Siehe auch: Dekonstruktion (D); Konstruktion (D); Aporie (D); Rhetorik (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1993): "Kontingente Grundlagen: Der Feminismus und die Frage der Postmoderne [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1986): "Sporen. Die Stile Nietzsches [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1998): "Choreographien. Gespräch mit Christie McDonald [kommentiert (D)]"
•  Felman, Shoshana (1992): "Weiblichkeit wiederlesen [kommentiert (D)]"
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]"






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