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Moser, Sibylle (1997): Weibliche Selbst-Organisation. Der Wirklichkeitsanspruch autobiographischer Kommunikation. Kapitel 3: "Kommunikation der Geschlechterdifferenz: Die Frauenbewegung als soziales System" [kommentiert (ST)]. Wien: Passagen.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Sibylle Moser diskutiert im vorliegenden Text (Kapitel) anhand des Aufsatzes "Frauen, Männer und George Spencer Brown" (Luhmann 1988) die 'kommunikativen Konstitutionsbedin-gungen des gesellschaftlichen Erfahrungsbereichs 'Frauenbewegung'" und sie versucht durch die Anwendung der von Luhmann vorgeschlagenen Beobachtungslogik (Spencer Brown 1977) auf das Phänomen der Geschlechterdifferenz "einen konstruktiven Umgang mit dem vorliegenden systemtheoretischen Theorieangebot [zu] erproben." Dadurch soll der "weitgehenden Abstinenz feministischer Literaturwissenschaft von der Systemtheorie" begegnet werden, zugleich sollen aber auch "die Luhmannschen Spekulationen in ihren theoretischen Schwächen markiert werden."

So wirft dieser der Frauenforschung ein "ungewöhnlich hohes Maß an Selbstreferenz" vor und macht ihr Vorschläge für eine "erkenntnisreichere Selbstreflexion", um sich als Wissenschaft zu etablieren (Luhmann 1988). Diese "Herausforderung" (im doppelten Sinne) annehmend, stellt Moser zuerst den formalen Kalkül Spencer Browns (1977) und dessen gesellschaftlich-semantische Interpretation durch Luhmann (1988) vor, die einer Differenzlogik (draw a distinction!) folgt und basal von der Unterscheidung System/Umwelt ausgeht. Dies hat die folgenreiche Konsequenz der Asymmetrisierung durch Unterscheidung, was im Falle der Unterscheidung Mann/Frau eine nicht wieder aus der Welt zu schaffende Markierung (marked space) bedeutet, die in Anbetracht des Postulats der Gleichheit zur Paradoxie der Ununterscheidbarkeit des Unterschiedenen führt. Es führt logisch und in der gesellschaftlichen Semantik kein Weg mehr zurück vom 'marked space' zum 'unmarked space'. Zur Auflösung dieser Paradoxie wird in der systemtheoretischen "Logik" der Kommunikation ein Prozessieren der Unterscheidung (unter Inanspruchnahme von Zeit) notwendig, welches erlaubt, die Seiten für eine Beobachtung zu wechseln (crossing), um schließlich den Wiedereintritt der Unterscheidung in die Unterscheidung (re-entry) zu leisten.

Im Weiteren diskutiert Moser grundlegend das Problem der Paradoxie als eines der Selbstreferenz und Unentscheidbarkeit mit Bezug auf Esposito (1991). Hinsichtlich der gesellschaftlichen Semantik der Geschlechterdifferenz als Strategie "kommunikativer Entparadoxierung" körperlicher Differenzen arbeitet sie in weiten Teilen ihren Ansatz an Luhmanns Systemtheorie ab, folgt aber an "entscheidender" Stelle nicht seiner radikalen Konzeption der Gesellschaft als ausschließlich aus Kommunikationen bestehender sozialer Autopoiesis, sondern sie verlässt die "differenzlogische" Argumentationsebene, um zu einer kognitionstheoretischen Argumentation zu wechseln. Hier greift sie vor allem auf Peter Hejls (1987a; 1990) radikal-konstruktivistischen Ansatz zurück, der die Selbstorganisation des Gehirns "konzediert", für den aber Gesellschaft, verstanden als ein Netzwerk "synreferentieller" (sozialer) Systeme, aufgrund des Fehlens von Grenzen selbst kein Sozialsystem ausbildet. Für Moser ist hier entscheidend, dass durch eine Art Homogenisierung als Gattungswesen "die Identifikation von kognitiven Systemen anhand der Unterscheidung Mann/Frau zu deren Entindividualisierung" führt; "soziale Rollen, welche mit dem Geschlecht identifiziert werden, stehen [somit] im Widerspruch zu moderner Individualisierung im Sinne reflexiver Selbstbeschreibung."

Im zweiten Teil des Kapitels versucht Moser dann, entgegen Luhmanns Annahme, dass es neben der Familie kein weiteres Funktionssystem der Gesellschaft gibt, das mit Hilfe des Geschlechtercodes sinnvoll operieren kann, die Frauenbewegung als soziales System gesellschaftlicher Selbstbeobachtung zu konzeptualisieren. Ausgehend von der "feministische[n] Grundannahme, dass die Geschlechterdifferenz auch gegenwärtig die kulturelle Wirklichkeit basal (mit)konstituiert", führt dies im Prozess der Entparadoxierung von Entindividualisierung und Individualisierung bei der femininen Identitätskonstitution "zu der Kennzeichnung der Frauenbewegung als System der Selbstbeobachtung spätindustrieller Gesellschaften." Ab-schließend diskutiert Moser die "Drei Paradoxien des feministischen Individuums" als Differenzproblem zwischen Individuum und Kollektiv (1), als Negationsproblem eigener Identität durch Umkehrung oder Ausschluss des Männlichen (2), sowie die "Unmöglichkeit weiblicher Identität" als reflexive Negation zeitgenössischer Subjektivierung (3).

Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Re-entry (ST); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Semantik (ST); Sinn (ST); Struktur (ST/RK); Subjekt (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Esposito, Elena (1991): "Paradoxien als Unterscheidungen von Unterscheidungen"
•  Hejl, Peter M. (1987): "Zum Begriff des Individuums. Bemerkungen zum ungeklärten Verhältnis von Psychologie und Soziologie"
•  Hejl, Peter M. (1990): "Soziale Systeme: Körper ohne Gehirne oder Gehirne ohne Körper? Rezeptionsprobleme der Theorie autopoietischer Systeme in den Sozialwissenschaften [kommentiert (ST), kommentiert (RK)]"
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]"
•  Tyrell, Hartmann (1986): "Geschlechtliche Differenzierung und Geschlechterklassifikation [kommentiert (ST)]"






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