Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Moser, Sibylle (1999): "Zur Konstruktion kultureller Differenzen. Über den medialen Spielraum zwischen Authentizität und Indifferenz [kommentiert (RK)]", in: Schneider, Bernhard / Jochum, Richard (Hg.): Erinnerungen an das Töten. Genozid reflexiv. Wien u.a.: Böhlau, 113-132.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Sibylle Moser geht in diesem Artikel aus dem Blickwinkel konstruktivistischer Ansätze den soziokulturellen Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzungsprozesse nach. Die grundlegende Frage, wie kulturelle Differenzen entstehen, stellt sich ihrer Ansicht nach aus konstruktivistischer Sicht als Frage danach, wie jene medialen Wahrnehmungs- und Kommunikationsprozesse entstehen, die zu kollektiven Ausgrenzungsformen wie Rassismus oder Homophobie führen. Ein zentrales Theorem in Mosers Argumentation ist die Unterscheidung zwischen Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Mit der reflexiven Figur der Beobachtung zweiter Ordnung, ergibt sich, so Moser, die Möglichkeit, die eigenen Standpunkte zu relativieren und neue in Erwägung zu ziehen. Doch, so befindet sie, anstatt diese Chance zu nutzen, werden Beobachtungen erster Ordnung häufig mit der Realität an sich gleichgesetzt und damit verabsolutiert. Differenzbildung und Abgrenzungsverhalten bilden sich in sozialen Kontexten heraus und dienen der Komplexitätsbewältigung und Identitätsbildung von Individuen. Wirklichkeitskonstruktionen entwickeln sich koevolutiv in kognitiven und kommunikativen Prozessen. Besonders postmoderne Gesellschaften sind durch eine Vielzahl von Identitätsangeboten gekennzeichnet, die Individuen vor die Frage ihrer kulturellen und persönlichen Eigenheit stellen. Probleme ergeben sich dort, wo anhand von Differenzsetzungen unreflektiert normative oder hierarchisierende Asymmetrien aufgebaut werden. Medien bzw. Medienkulturen thematisieren in diesem Zusammenhang kulturelle Wirklichkeitsraster bzw. bringen ebensolche hervor.

Moser verweist in diesem Zusammenhang auf Hejls Begriff des "Multikomponenten-Individuums": die Festlegung von Individuen auf nur eine soziale Determinante wird der Vielfältigkeit postmoderner Identitätskonzepte nicht mehr gerecht. Die Komplexität von zeitgenössischen Gesellschaften entsteht durch vielfältige Möglichkeiten der Teilnahme an verschiedenen gesellschaftlichen Wirklichkeitsbereichen. Soziale Einheitsbildung, so Moser, wird durch die Setzung von Differenzen, wie z.B. durch die Gegenüberstellung "Europa versus der Rest der Welt", generiert. Differenzgeleitete Einheitsvorstellungen wie die "Festung Europa" werden in starkem Ausmaß über Medien produziert. Ethnische oder auch feministische Gruppierungen treten zwar nach außen hin als Einheit auf, sind im Inneren jedoch heterogen, differenziert und mitunter hierarchisch strukturiert. Medien bieten Identitäten an, verwerfen manche, kreieren neue. Diese Pluralisierung der Lebenswelten und individueller Identitäten führe nicht per se zur gesellschaftlichen Entsolidarisierung, so Moser, nur wäre Solidarisierung nicht mehr selbstverständlich. In postmodernen Mediengesellschaften sind Individuen aufgefordert, Beobachtungsstandpunkte immer wieder zu wechseln und "fremde" Wirklichkeiten wahrzunehmen. Postmoderne Identitätspolitik könne in diesem Sinne versuchen, v. Foersters ethischen Imperativ des "Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen" zu realisieren.






Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Mediensystem (RK); Semantik (ST); Wahrnehmung (ST/RK); Verstehen (ST/RK); Medienschema (RK); Repräsentation (RK); System, soziales (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Hejl, Peter M. (1987): "Zum Begriff des Individuums. Bemerkungen zum ungeklärten Verhältnis von Psychologie und Soziologie"
•  Hejl, Peter M. (1995): "Ethik, Konstruktivismus und gesellschaftliche Selbstregelung"
•  Merten, Klaus / Schmidt, Siegfried J. / Weischenberg, Siegfried (Hg.) (1994): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft..
•  Moser, Sibylle (1999): "Das Dilemma mit dem Selbst. Feministische Autobiografik aus der Sicht konstruktivistischer Theorieangebote [kommentiert (RK)]"
•  Moser, Sibylle (2001): Komplexe Konstruktionen. Systemtheorie, Konstruktivismus und empirische Literaturwissenschaft.
•  Schimank, Uwe (1988): "Biographie als Autopoiesis Eine systemtheoretische Rekonstruktion von Individualität"






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive