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Moser, Sibylle (2001): "Vernetzte Beobachtungen, gesetzte Differenzen. Wissenschaftstheorie im Schnittpunkt von Feminismus und Konstruktivismus [kommentiert (RK)]", in: Hug, Theo (Hg.): Wie kommt Wissenschaft zu Wissen? Band 4: Einführung in die Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung der Sozial- und Kulturwissenschaften. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 226-245.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at


Sibylle Moser stellt in diesem Artikel wichtige Schnittpunkte und argumentative Verbindungslinien zwischen feministischer Wissenschaftskritik und Konstruktivismus dar. So beschreiben beide Ansätze Wissenschaft als empirische und soziokulturelle Praxis, in der Problemlösungsstrategien entlang diskursinterner Beobachtungsmethoden entwickelt werden. Moser erläutert in einzelnen Abschnitten zunächst die Grundbegriffe sowie die historischen und methodologischen Diskurskontexte von feministischer Theorie, Wissenschaftskritik und wissenschaftlichem Konstruktivismus. Abschließend führt sie die Theorien zusammen und zeigt Parallelen und Anschlussstellen auf. Der Begriff der Differenz ist für diese Theorien von zentraler methodischer Bedeutung. Während der radikale Konstruktivismus die Operation "Beobachtung" als eine prototypische kognitive Unterscheidung im allgemeinen beschreibt, steht das Thema der Geschlechterdifferenz im Mittelpunkt von feministischer Theorie und Geschlechterforschung und wird im Kontext von Kognition und sozialer Organisation verhandelt. Einen weiteren Schnittpunkt bildet die Infragestellung von bestimmten Dualismen der wissenschaftlichen Tradition wie Theorie/Empirie, Erklären/Verstehen oder die klassische Subjekt/Objekt Trennung. So betonen feministische wie auch konstruktivistische Ansätze die wechselseitige Konstituierung von Beobachtung und beobachteter Wirklichkeit.

Im radikalen Konstruktivismus wird Wirklichkeit als operationaler Prozess aufgefasst, der in den jeweiligen Aktionen des Subjekts als beobachtendes System konkretisiert ist. Daraus ergeben sich prozessorientierte, nicht-dualistische Subjekttheorien und Kognitionskonzepte. Konstruktivistische wie auch feministische Diskurse sind des weiteren, so Moser, durch ein hohes Niveau an (Selbst-)Reflexivität gekennzeichnet, dies zeige beispielsweise die mitunter sehr kontroversiell geführte Sex-Gender Debatte in der feministischen Theorie und Geschlechterforschung.
Zusammenfassend listet Moser nochmals die innovativen Potenziale eines konstruktivistisch-feministischen Argumentationsfeldes für eine methodologische Revision von Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie auf. In diesem Zusammenhang beginnt der medientheoretische Fokus bzw. der Ansatz der Medienepistemologie vermehrt eine Rolle zu spielen, da dieser die Auswirkungen von Sprache, Schrift und Visualisierungstechniken auf den konkreten Forschungsprozess thematisiert. Insgesamt sieht Moser das "zentrale Innovationspotenzial konstruktivistischer Diskurse in der Theorie von Entwicklung und damit von Veränderung" (242), und weist im Anschluss an Marianne Krüll darauf hin, dass die "kybernetische Modellierung von Entwicklungsprozessen eine Grundlage für die Beobachtung der Dynamik von kognitiven und sozialen Phänomenen bietet" (243), die auch für feministische Anliegen genutzt werden könnte.







Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Kognition (ST/RK); Rekursion (RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); System/Umwelt (ST/RK); Wissen (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Handlung (ST/RK); Verstehen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Benhabib, Seyla / Butler, Judith / Cornell, Drucilla / Fraser, Nancy (1993): Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart [kommentiert (D)].
•  Fischer, Ute Luise / Kampshoff, Marita / Keil, Susanne / Schmitt, Mathilde (Hg.) (1996): Kategorie: Geschlecht. Empirische Analysen und feministische Theorien.
•  Krohn, Wolfgang / Küppers, Günter (1989): Die Selbstorganisation der Wissenschaft.
•  List, Elisabeth (1997): "Das lebendige Selbst. Leiblichkeit, Subjektivität und Geschlecht [kommentiert (RK)]"
•  Moser, Sibylle (2001): Komplexe Konstruktionen. Systemtheorie, Konstruktivismus und empirische Literaturwissenschaft.
•  Pasero, Ursula (1997): "Kommunikation von Geschlecht  stereotype Wirkungen: Zu sozialen Semantik von Geld und Geschlecht [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1999): "Wahrnehmung ein Forschungsprogramm für die Gender Studies [kommentiert (ST)]"
•  Schmidt, Siegfried J. (1999): "Blickwechsel. Umrisse einer Medienepistemologie [kommentiert (RK)]"
•  Wobbe, Theresa / Lindemann, Gesa (Hg.) (1994): Denkachsen. Zur theoretischen und institutionellen Rede von Geschlecht.






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