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Nassehi, Arnim (1999): "Die Paradoxie der Sichtbarkeit. Zur epistemologischen Verunsicherung der (Kultur-)Soziologie [kommentiert (ST)]", in: Soziale Welt 50, 349362.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Armin Nassehi untersucht im vorliegenden Text anhand der "drei epistemologischen Zumutungen", i.e. den postkolonialen Migranten bzw. die postkoloniale Migrantin, dem menschlichen Klon und dem Transsexuellen, die gegenwärtigen Problemlagen von Kultur und Kulturwissenschaft. Während Kultur als Alltag entlastendes Bedeutungssystem durch Versorgung mit Fraglosem fungiert, bilden die Kulturwissenschaften die Reflexionszentren, in denen sich unsere Kultur selbst bewusst werden kann. Doch viele der fraglosen Selbstverständnisse und Orientierungen werden gegenwärtig in Frage gestellt und zwingen auch die Kulturwissenschaften zur Selbst-Reflexion. Diese epistemologische Verunsicherung, speziell der Soziologie, wird gegenwärtig zur Voraussetzung für jeglichen Erkenntnisgewinn, denn sie wird selbst zu ihrem Gegenstand. Als selbstragende Konstruktion unterliegt sie der Krise der Repräsentation und sie ist gezwungen, ihre Aufmerksamkeit zunehmend von der Beobachtung ihres Gegenstandes auf die Beobachtung ihres Gegenstandes zu verlagern.

Die postkolonialen Migrationen der Weltgesellschaft unterlaufen nationalstaatliche Konzepte stabiler Kulturen genauso wie die Alternative zwischen einem westlichen Universalismus und dem Partikularismus der Dritten Welt. Menschliche Klone bzw. die Gentechnik destruieren unsere Unterscheidung von Natur und Kultur, von Notwendigkeit und Freiheit. Die Natur ist nicht länger fragloser Grund, sondern sie wird entschieden, sie wird zum sozialen Konstrukt. Aber auch die feministische Debatte um das Geschlecht bricht sich an der Unterscheidung von Natur und Kultur, an sex und gender. Am Grenzfall der Transsexuellen wird das "Doing gender" als "praktisch-alltägliche Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit" besonders augenfällig. Auch der Leib ist nicht Natur als solche, sondern Konstruktion von Wirklichkeit und zugleich Wirklichkeit von Konstruktion, Konstrukt und Konstrukteur zugleich.

Hier gilt es "der naiven Kontextur der ontologischen Natur/Kultur-Dichotomie" zu entkommen und die Wirkmächtigkeit der Wirklichkeit der Konstruktion zu erkennen. Es kommt zu einer Paradoxie der Sichtbarkeit, denn überall, wo Personen miteinander interagieren, nehmen sie sich zuerst körperlich wahr, sie treten "immer gegendered auf, weil unser Blick nichts anderes sehen kann. Und wer diesen Blick vermeiden will, wer ein undoing gender versucht, der muss exakt das aktiv tun und das wäre ein erneutes gendering, oder? Oder haben Sie schon einmal eine Frau nicht gesehen?"

Siehe auch: De-Ontologisierung (ST/RK); Kognition (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Repräsentation (RK); Sprache (ST/RK); Subjekt (ST/RK); Zeichen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Goffman, Erving (1977): "The Arrangement between the Sexes"
•  Hirschauer, Stefan (1993): Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Über die Medizin und den Geschlechtswechsel.
•  Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände [kommentiert (ST)].
•  West, Candance / Zimmermann, Don H. (1987): "Doing Gender"






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