Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift [kommentiert (D)]. Hg. von G. Colli und M. Montinari. 2. durchges. Aufl.. München/Berlin/New York: dtv/de Gruyter (Kritische Studienausgabe KSA 5).



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Nietzsches Streitschrift Zur Genealogie der Moral gehört wahrscheinlich - neben "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" - zu den Texten Nietzsches, die die neuere Nietzsche-Rezeption insbesondere im Umfeld des so genannten Poststrukturalismus am nachhaltigsten beeinflusst haben. Nietzsches Schrift wird sowohl im Hinblick auf ihre sprach- und rhetoriktheoretischen (de Man) als auch in Bezug auf ihre macht- und diskursanalytischen Implikationen gelesen (Foucault), wobei sich die Lektüren in der Regel auf die ersten beiden Abhandlungen konzentrieren.

Die erste Abhandlung wird beherrscht von den Antagonismen gut und schlecht, gut und böse, Sklaven- und Herrenmoral, wobei die Sprache bezüglich ihres Ursprungs, ihrer Etymologie und der Macht ihrer grammatischen Strukturen befragt wird. Dagegen fragt die zweite Abhandlung "Schuld, schlechtes Gewissen, Verwandtes", durch welche Prozeduren der Bestrafung, Techniken des Gedächtnismachens, soziale Praktiken und Zwänge das 'schlechte Gewissen' als internalisierte Bestrafungsinstanz und das souveräne Individuum, das versprechen darf, geformt und hervorgebracht worden sind. Die dritte Abhandlung Was bedeuten asketische Ideale? stellt schließlich den Wert der Wahrheit selbst in Frage und sieht die Bedeutung der asketischen Ideale darin begründet, dass der Mensch lieber noch das Nichts wollen will, als nicht zu wollen.

Obgleich Nietzsche den Terminus Genealogie außer im Titel nur zweimal in seiner Schrift gebraucht (und dazu noch in pejorativem Sinn), so ist es doch gerade Nietzsches 'genealogische Methode', die die Rezeption des Textes wesentlich beeinflusst hat. Nietzsche postuliert als den Grundsatz jeder Art von Historie, dass "die Ursache der Entstehung eines Dings und dessen schliessliche Einordnung in ein System von Zwecken" Welten auseinander liegen. Die ganze Geschichte eines Dings, Brauchs oder Begriffs ist nichts anderes als ein semiotischer Prozess, eine "fortgesetzte Zeichen-Kette von immer neuen Interpretationen und Zurechtmachungen" (II §12).

Nietzsches Kritik richtet sich vor allem gegen den Grundirrtum der Vernunft, hinter allem Tun, Wirken, Werden ein indifferentes wahlfreies Subjekt anzunehmen. Dieser Glaube beruht auf nichts anderem als der Verwechslung von Ursache und Wirkung, Täter und Tat - unter den Verführungen der Sprache und ihrer grammatischen Strukturen. Die Kategorien der Identität, des Subjekts, des Täters sind nichts weiter als Effekte rhetorischer Operationen, d.h. der (metaleptischen) Umkehrung von Vorher und Nachher, Ursache und Wirkung, die das erst hervorbringen, was sie als ihren Grund voraussetzen müssen. Genealogische Kritik zielt auf die Entlarvung falscher Universalbegriffe, indem sie zeigt, dass diese historisch geworden und folglich kontingent und veränderbar sind, offen für neue Aneignungen und Resignifikationen.

Der Einfluss von Nietzsches Schrift auf psychoanalytische, poststrukturalistische und feministische Formulierungen des autonomen Subjekts, des Bewusstseins und des schlechten Gewissens sind nicht zu unterschätzen. Insbesondere Foucaults Weiterentwicklung der Genealogie zu einer kritisch-historischen Analysemethode sowie Butlers performatives Konzept von gender als ein Tun ohne Täter ist ohne den Rückgriff auf Nietzsche nicht denkbar.

Siehe auch: Genealogie (D); Macht (D); Sprache (D); Subjekt (D); Rhetorik (D); Metalepse (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]"
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Tropes (Nietzsche) [kommentiert (D)]"
•  Foucault, Michel (1983): Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen [kommentiert (D)].
•  Foucault, Michel (1994): Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses [kommentiert (D)].
•  Stegmaier, Werner (1994): Nietzsches "Genealogie der Moral".






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive