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Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]", in: Wobbe, Theresa / Lindemann, Gesa (Hg.): Denkachsen. Zur theoretischen und institutionellen Rede vom Geschlecht. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 264296.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Ursula Pasero stellt in diesem Aufsatz fest, dass die Frauenforschung bislang einen weiten Bogen um die Systemtheorie gemacht hat, obwohl sich die Systemtheorie Luhmanns punktuell der Geschlechterfrage angenommen hat. Als Grund für diese Abstinenz ortet sie einen Wi-derstand gegen die erkenntnistheoretischen Konsequenzen konstruktivistischer und systemtheoretischer Perspektiven. Die Systemtheorie zwingt zur Aufgabe vertrauter und stabiler Denkmuster, sie stellt radikal vom Ideal des Konsenses auf Differenz um. Als operative Er-kenntnistheorie deontologisiert sie ihren Beobachtungsmodus, sie wechselt von psychologischer und biologischer zu soziologischer Erkenntnistheorie und erzwingt deshalb eine Umstellung von "natürlichen" Seinsgewissheiten auf sozial kontingente Geltungsgewissheiten. Eine solchermaßen veränderte Perspektive erlaubt die Neubeschreibung des Geschlechterverhältnisses als soziales Konstrukt, das historisch kontingent und deshalb wandelbar ist.

Pasero versucht in diesem Sinn zu zeigen, dass die Rigidität des Geschlechtsdimorphismus gerade nicht Resultat biologischer oder psychischer Unterschiede zwischen Frauen und Männern ist. Sie vermutet vielmehr einen sozialen Rigorismus, die Unterscheidung "Frau oder Mann", der als entlastender Mechanismus zur Reduktion von Komplexität dient, indem er die Vielfalt von kontingenten sozialen Formen auf Geschlechterstereotype reduziert. Als soziale Konstruktion wird die Geschlechterdifferenz auch zum Gegenstand für die Selbstbeobachtung der Genderforschung, die ihre eigene Ausgangsunterscheidung reflektiert.

Im weiteren unternimmt Pasero einen historischen Exkurs zur sozialen Stellung von Frauen und den sich wandelnden Geschlechtersemantiken. Als Folge funktionaler Differenzierung wäre zu erwarten, dass sich die Asymmetrien im Geschlechterverhältnis abschwächen würden und letztlich ihren sozialen Sinn verlieren. Entgegen den Egalisierungseffekten der funktionalen Differenzierung und dem aufklärerischen Gleichheitspostulat und obwohl der Zugang zu den gesellschaftlichen Subsystemen primär über die "Form Person" und nicht über die "Form Geschlecht" erfolgt, bleiben jedoch ungleiche Machtbalancen zwischen den Geschlechtern beobachtbar. Pasero bestimmt die Geschlechterdifferenz deshalb als sekundäre Form der Differenzierung, die vornehmlich in Interaktionskontexten wirksam ist, dort auch mit diskriminierenden Folgen.

Abschließend schlägt sie unter dem Stichwort der "Konstruktion hinter der Konstruktion" die Brücke zum ethnomethodologischen Konzept des Doing Gender und zu Butlers Dekonstruktivismus und stellt die Vorzüge heraus, die ein systemtheoretischer Ansatz bietet. Systemtheorie beobachtet soziale Konstrukte und soziale Systeme als Lösung des Phänomens der doppelten Kontingenz und kennzeichnet das Geschlecht als emergente kommunikative Struktur. Mit der Auflösung der klassischen Ordnung der Geschlechter wächst entsprechend die Kontingenzerfahrung beider Geschlechter, was wiederum erhöhte Potenziale an Reflexivität und Konflikte Gender Trouble zur Folge hat.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Semantik (ST); Sinn (ST)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1991): "Die Form 'Person'"
•  Luhmann, Niklas (1992): Beobachtungen der Moderne.






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