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Pasero, Ursula (1995): "Dethematisierung von Geschlecht [kommentiert (ST)]", in: Pasero, Ursula / Braun, Friederike (Hg.): Konstruktion von Geschlecht. Pfaffenweiler: Centaurus, 5066.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

In diesem Aufsatz geht Ursula Pasero der Frage nach, ob die Thematisierung von Geschlecht in modernen Gesellschaften abgeschwächt oder gar neutralisieren werden kann. Bislang wurde in der Genderforschung der Blick fast ausschließlich für Unterschiede zwischen den Ge-schlechtern geschärft. Und die Tatsache, dass in modernen Gesellschaften eine stabile Sozialordnung der Zweigeschlechtlichkeit evident ist, lässt Paseros Frage zunächst als wenig plausibel erscheinen. Doch mit der Liberalisierung moderner Gesellschaften und der Orientierung an Gleichheitsvorstellungen, so Paseros Beobachtung, werden traditionelle Unterscheidungen und die aus ihnen resultierenden nachteiligen sozialen Folgen nicht länger als selbstverständlich hingenommen. In diesem Zusammenhang gilt es für die Genderforschung, auch die bisher vernachlässigte Seite der Dethematisierung zu beobachten.

Pasero verweist auf den interaktiven Herstellungsmodus der Geschlechterdifferenz. Wenn Gender kein Naturzustand ist, sondern ein sozialer Herstellungsprozess, dann kann Geschlecht auch sozial "dekonstruiert" und "rekonstruiert" werden, Geschlechtszuschreibungen und Geschlechterarrangements sind wandelbar. Neuartige Situationen werden möglich, in de-nen das Geschlecht unbestimmt oder unbedeutend bzw. neutral (ungendered) bleibt. Es tritt eine historische Situation ein, in der die Geschlechtszugehörigkeit immer weniger Orientierung und Interpretationsmöglichkeiten für Handlungen bietet.

Mit der Beobachtung der Differenz und Konstruktion von Geschlecht eröffnet sich die Perspektive einer grundsätzlichen Konstruktion von Wirklichkeit, die seinsorientierte (ontologisierende) Unterscheidungen vermeidet. Sozial erzeugte Unterschiede erscheinen als Folge von Unterscheidungen, die als Operationen wiederholt aneinander anschließen. Bestimmte Unterscheidungen, wie die des Geschlechts, erweisen sich historisch-evolutionär als erfolgreich, da sie die hohe Kontingenz im Geschlechterverhältnis überschaubar und handhabbar machen. Durch die wiederholende Wiederholung gewinnt die Unterscheidung Plausibilität und Geltung. Schließlich legitimiert sie sich aus sich selber heraus und stellt ihre Sinnhaftigkeit generationsübergreifend auf Dauer. Frauen und Männer werden auch in ihrer Asymmetrie als komplementäres Ganzes gedacht, soziale Benachteiligungen können unhinterfragt und unbehandelt bleiben, gewaltsame Lösungen werden weitgehend verzichtbar.

Mit der Umstellung der primären sozialen Differenzierung moderner Gesellschaften von Schichtung auf Funktion wird diese rigide Zweiteilung der Geschlechter und das Modell ihrer komplementären Vollständigkeit zunehmend abgeschwächt. Erstmals treten Frauen und Män-ner in der Geschichte in ein direktes Konkurrenzverhältnis zueinander und Frauen holen Indi-vidualisierungsprozesse und Individualisierungsansprüche nach. Sie realisieren individualisie-rende Lebensformen mit tiefgreifenden Veränderungen in privaten Bereichen ebenso wie in der Bildung und im Erwerbsleben. Bei den Zugängen zu den funktionalen Subsystemen der Gesellschaft verliert die Geschlechterdifferenz an kommunikativer Relevanz.

Daher schlägt Pasero vor, die Wandlungsdynamik in modernen Gesellschaften mit den analytischen Unterscheidungen der "Form Person" und der "Form Geschlecht" zu beschreiben. Mit der Form Geschlecht lassen sich die diskriminierenden Wirkungen im Geschlechterverhältnis schärfer beobachten und als unangemessen zurückweisen: "Die Form Person entlastet [dagegen] von Zumutungen, die mit der Form Geschlecht assoziiert sind, indem Zuständigkeitsprofile, die dem Repertoire von Selbstverständlichkeiten im Arrangement der Geschlechter entnommen sind, in Frage gestellt und eingegrenzt werden: Kaffeekochen können beide." In Interaktionskontexten bei starker zahlenmäßiger Ungleichheit von Frauen und Männern steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit für eine geschlechterstereotype Wahrnehmung und Marginalisierung der Minorität durch die Majorität.

Daher bleiben Dethematisierung und Rethematisierung von Geschlecht gesellschaftlich kontingent. Auch wenn das asymmetrische Geschlechtermodell durch eine Gleichheitssemantik abgelöst wurde, ist "auch zukünftig damit zu rechnen, dass gegen das ungewohnte Konkurrenzmuster alte geschlechterstereotype Aspekte wieder und wieder aktiviert werden."

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Semantik (ST); Sinn (ST)

Literaturhinweise
•  Goffman, Erving (1977): "The Arrangement between the Sexes"
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1991): "Die Form 'Person'"
•  Luhmann, Niklas (1992): Beobachtungen der Moderne.
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]"






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