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Pasero, Ursula (1997): "Kommunikation von Geschlecht  stereotype Wirkungen: Zu sozialen Semantik von Geld und Geschlecht [kommentiert (ST)]", in: Pasero, Ursula / Braun, Friederike (Hg.): . Pfaffenweiler: Centaurus, 242260.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Im diesem Aufsatz untersucht Ursula Pasero Geschlechterstereotype als semantische Formen der Selbst- und Fremdbeschreibung von Frauen und Männern. Sie beobachtet am Beispiel der sozialen Semantik von Geschlecht und Geld deren historischen Wandel und stellt die Frage, ob und wie in einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft diese Geschlechterstereotype abgeschwächt oder verstärkt, konserviert oder zum Verschwinden gebracht werden. Die soziologische Systemtheorie geht davon aus, dass es in modernen Gesellschaften mit der Umstellung des gesellschaftlichen Differenzierungsmodus von Stratifikation auf funktionale Differenzierung zu einem Nebeneinander von Funktionssystemen kommt, von denen keines die Gesellschaft als Ganzes repräsentiert. Jedes System kann Gesellschaft nur aus der Perspektive seines spezifischen Operationsmodus beobachten. Deshalb kommt es zu einer Vervielfachung sozialer Perspektiven und zu einem Aufbrechen traditioneller sozialer Ord-nungsmuster.

Doch die paradoxe Beobachtung, dass es trotz abnehmender Relevanz des Geschlechts in funktional differenzierten Gesellschaften zu diskriminierenden "Mitnahme-Effekten" der Un-terscheidung Frau/Mann in alle Funktionssysteme kommt, wirft die Frage auf, welche sozialen Ordnungsmuster der Zweigeschlechtlichkeit zugrunde liegen, und wie sie sich diese erhalten oder abschwächen. Die Fragestellung Goffmans aufgreifend, ob "diese trennscharfe Unterscheidung zwischen den Geschlechtern eine soziale Notwendigkeit ist, weil die damit einhergehenden Asymmetrien und Diskriminierungen weit über den Erhalt der Gattung hin-auszielen", lenkt Pasero die Beobachtung der Geschlechterdifferenz auf ihren sozial kon-struierten Modus. Dazu greift sie auf die wissenssoziologische Unterscheidung von Gesell-schaftsstruktur (Funktionssysteme) und sozialer Semantik zurück, die je eigene Dynamiken entfalten. Sie zeichnet nach, wie sich die Konstruktion sozialer Geschlechtsunterscheidungen zu generalisierten Erwartungen von "Weiblichkeit" und "Männlichkeit" kondensieren und wie solche Semantiken in vielfältigen sozialen Situationen für Vertrautheit und Kontinuität sorgen.

Im historischen Kontext untersucht Pasero im Anschluss an diese Argumentation die sozi-ale Semantik von Geld und Geschlecht in Hinblick auf den geschlechterstereotypen Umgang mit Geld. Sie stellt insbesondere die Frage nach der gegenwärtigen Wirksamkeit des stereoty-pen Schemas der Kontrasttugenden als Verstärker asymmetrischer Zugänge zu Geld und Geldverwendung. Pasero zeigt, wie Frauen Jahrhunderte lang vom Geld ferngehalten und monetär infantilisiert wurden und wie sich durch das Auseinanderdriften von Erwerbs- und Familienökonomie in der Moderne eine Verschärfung der Segregation der Geschlechter voll-zieht. Während die überwiegend subsistenzielle Arbeit der Frauen in der herkömmlichen "moralischen Ökonomie" konserviert wird, löst sich die neu entstehende Geldökonomie von der Subsistenzfrage und ihre ökonomischen Semantiken gewinnen an Geltung, bis hin zu der ge-genwärtig männlich dominierten "Risiko-Ökonomie". Trotz funktionaler Differenzierung und weitgehender Egalisierung der Geschlechterdifferenz im Umgang mit Geld halten sich geschlechterstereotype semantische Sinnreste der "moralischen Ökonomie" bis in die Gegenwart, ob als Geschlechterstereotyp der beruflich erfolgreichen, aber familiär unglücklichen Karrierefrau oder als geschlechterdifferente Beratungssysteme in der Finanz- und Bankpraxis. Historisch neu ist, dass Frauen und Männer miteinander, auch ökonomisch, konkurrieren.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Semantik (ST); Sinn (ST)

Literaturhinweise
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1991): "Die Form 'Person'"
•  Luhmann, Niklas (1992): Beobachtungen der Moderne.
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]"
•  Pasero, Ursula (1995): "Dethematisierung von Geschlecht [kommentiert (ST)]"






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