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Roth, Gerhard (1992): "Kognition: die Entstehung von Bedeutung im Gehirn [kommentiert (RK)]", in: Krohn, Wolfgang / Küppers, Günter (Hg.): Emergenz. Die Entstehung von Ordung, Organisation und Bedeutung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 104-133.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Die Frage nach der Entstehung von Bedeutung sei eines der wichtigsten Themen der gegenwärtigen Neurobiologie, konstatiert Gerhard Roth, der in diesem Artikel sehr ausführlich die empirischen und epistemologischen Schwierigkeiten dieses Forschungszweiges darlegt. Während das Gehirn als neuronales System mit naturwissenschaftlichen Methoden analysierbar ist, sind mentale Ereignisse, betrachtet als emergente Eigenschaften des Gehirns, auf neuronaler Ebene nicht begründbar. Roth hält nachdrücklich fest, dass für die Erforschung der neuronalen Grundlagen von Verhalten, Wahrnehmung und Kognition der Begriff der "Bedeutung" eine zentrale Rolle spielt und stellt sich diesem Problem in Form der Frage der Emergenz von Phänomenen im Gehirn, die nicht physikalisch-chemischer Natur sind. Wie lässt sich die Emergenz von Bedeutung verstehen - "wie kann ein physikochemisches System etwas hervorbringen, das nicht physikochemischer Natur ist?" (105), fragt Roth und weist darauf hin, dass sich innerhalb der Bio-Epistemologie und der biologischen Evolutions- und Systemtheorie eine rege Debatte um emergente Eigenschaften in komplexen, selbstorganisierten bzw. selbstreferenziellen Systemen entwickelt hat. "Emergenz tritt auf, wenn selbstrefererentielle Zirkel entstehen, die sich in einer Weise miteinander verketten, dass sie die Elemente eines neuen Systems bilden" (106). Roth verbindet diesen Ansatz mit einem Begriff aus der Autopoiesis-Theorie von Maturana, und zwar der operationalen bzw. semantischen Geschlossenheit von biologisch-autopoetischen und kognitiven Systemen. Operationale Geschlossenheit besagt, dass kognitive Systeme keine Information - im Sinn von Bedeutung - von Außen aufnehmen, sondern diese ausschließlich innerhalb des Systems erzeugen.

Das Paradoxe daran sei, so Roth, dass die Bedeutung eines Ereignisses für ein System aus den bereits in diesem System bestehenden Bedeutungen, aus den Kontexten und der bisherigen Geschichte des Systems resultiert. "Bedeutungen erzeugen Bedeutungen: dies ist die fundamentale Selbstreferentialität der Semantik, welche die kognitive Organisation des Gehirns konstituiert." (110) Dieser Sachverhalt trifft auch auf die wissenschaftliche Beobachtungsweise von ForscherInnen selbst zu. NeurobiologInnen, so Roth, schreiben ihren Beobachtungen funktionale Bedeutung zu und sprechen z.B. von "auditorischen" oder von "farbcodierten" Neuronen, ohne dass diese Eigenschaften an neuronalen Prozessen direkt beobachtet werden könnten. Daher sei Bedeutung keinesfalls mit Information von Außen (im technischen Sinn) gleichzusetzen, sondern Roth versucht zunächst Bedeutung als "semantische Information", als Wirkung, die ein physikochemisches Ereignis innerhalb eines kognitiven Systems auslöst, zu begreifen.

Roth argumentiert, dass durch raumzeitliche Erregungsverarbeitungsmuster der selbstorganisierten, erfahrungsunabhängigen Struktur des Gehirns zunächst primäre Bedeutungszuweisungen erzeugt und ein ontogenetisches Feld von Bedeutungszuweisungen aufgebaut werde, das sich schließlich selbst steuert. Erst auf dieser kognitiven Grundlage können sekundäre und tertiäre Bedeutungszuweisungen anschließen, die erfahrungsabhängig sind. Abschließend kommt Roth auf den eingangs erwähnten ontologischen Sprung zwischen 'neuronal und mental' zurück und konstatiert zusammenfassend, "dass sich subjektiv Erlebtes, also Wahrnehmung, Denken, Empfinden, Vorstellen, dem analytischen Zugriff der Neurobiologie entzieht" (128). Dennoch sei der Leib-Seele Dualismus ein Artefakt, so Roth, und hält diesem die These entgegen, dass kognitive Systeme während ihrer Ontogenese die Bereiche "Körper", "Welt" und "Geist" selbst aufbauen bzw. konstruieren. Zu untersuchen wäre, so Roth, wie diese in kognitiven Systemen ontologisch verschieden erlebten Dimensionen auf neuronaler Ebene zusammenhängen, und schlägt die "Ausarbeitung einer Theorie kognitiver, zur Selbstbeobachtung fähiger Systeme" (131) vor.







Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); Viabilität (RK); Beobachtung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Riegas, Volker (1990): "Das Nervensystem offenes oder geschlossenes System?"
•  Riegas, Volker / Vetter, Christian (Hg.) (1990): Zur Biologie der Kognition. Ein Gespräch mit Humberto R. Maturana und Beiträge zur Diskussion seines Werkes.
•  Roth, Gerhard (1986): "Selbstorganisation Selbsterhaltung Selbstreferenzialität: Prinzipien der Organisation der Lebewesen und ihre Folgen für die Beziehung zwischen Organismus und Umwelt"
•  Roth, Gerhard (1987): "Erkenntnis und Realität: Das reale Gehirn und seine Wirklichkeit"






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