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Rusch, Gebhard (1996): "Konstruktivismus. Ein epistemologisches Selbstbild [kommentiert (RK)]", in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70 (2), 322-345.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Gebhard Rusch entgegnet in diesem Artikel einer vehementen Kritik Ralph Gehrkes am Radikalen Konstruktivismus, die er als unbegründet und inkompetent zurückweist. Anhand der Auseinandersetzung mit dem Vorwurf, dass der konstruktivistische Ansatz reduktionistisch, szientistisch und antihumanistisch sei, bietet Rusch eine sehr gute übersichtliche und zusammenfassende Skizze konstruktivistischer Theoreme. Rusch behandelt drei Problembereiche, in bezug auf die der radikale Konstruktivismus immer wieder mit Kritik konfrontiert ist, nämlich das Erkenntnismodell, den Empiriebegriff und die Naturalisierung der Erkenntnistheorie und versucht, die kritischen Einwände zu entkräften.

Nachdem Rusch zunächst den Erkenntnisbegriff des Radikalen Konstruktivismus darlegt, demzufolge Erkenntnis als Wissen, als Vermögen, Urteile zu bilden und Wahrheit als intersubjektive Verifizierbarkeit von Urteilen verstanden wird, wendet er sich in sehr differenzierter Weise den Begriffen "Konstruktion" und "Wirklichkeit" zu. Er führt aus, dass Wirklichkeit in intersubjektiver Übereinstimmung aus dem Erfolg von Orientierungshandlungen erschlossen werde. Weiters thematisiert er das Paradoxon, das entsteht, wenn Wirklichkeit und Realität gleichgesetzt werden. Der Radikale Konstruktivismus verfahre nach operationalistischen Wahrheitskriterien, es gehe um viables Wissen, das die Frage nach absoluten Wahrheiten als irrelevant ausweist. In diesem Sinn, so Rusch, ist Wirklichkeit ein kognitives Konstrukt. Erkenntnisvermögen und Wirklichkeitskonstruktionen spielen in komplexer Weise zusammen und führen zu kognitiv-sozialen Synthesen, die als persönliche Lebensstile, als Kulturen mit spezifischen Mythen oder als Wissensbestände auf den Begriff gebracht werden.

Der Konstruktivismus versuche mit dieser Sichtweise ein erkenntnistheoretisches Selbstbild des Menschen zu entwerfen, das die Aporien realistischer und idealistischer Konzeptionen vermeidet. Rusch skizziert in diesem Zusammenhang kurz das gegenwärtige neurophysiologisch-biologische Menschenbild, dem gemäß Menschen als Biomaschinen bzw. als Biosysteme mit aktiver Intelligenz vorgestellt werden und das mit Begriffen wie Selbstorganisation, Autopoiesis, Homöostase, operationale Geschlossenheit oder Selbstreferenz operiert. Besonders Humberto Maturanas Konzept der Autopoiese sei, so Rusch, besonders gut dazu geeignet, natur- und humanwissenschaftliche Konzepte von Erfahrung, Körper und Geist zu integrieren. Bezüglich des Vorwurfs der Naturalisierung entgegnet er, dass naturwissenschaftliche Ergebnisse die konstruktivistische Erkenntnistheorie zwar illustrieren, sie jedoch keineswegs begründen können. Ergebnisse aus den Neuro- und Kognitionswissenschaften stellen operationale Wissensbestände dar, die, ebenso wie kulturelles Wissen, zur Selbstbeschreibung des Menschen beitragen.






Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Kognition (ST/RK); Wissen (ST/RK); Viabilität (RK); Kommunikation (ST/RK); Schema (RK); Zeichen (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Gehrke, Ralph (1994): "Was leistet der Radikale Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft?"
•  Nüse, Ralf / Groeben, Norbert / Freitag, Burkhard / Schreiber, Margit (Hg.) (1991): Über die Erfindung des Radikalen Konstruktivismus. Kritische Gegenargumente aus psychologischer Sicht.
•  Rusch, Gebhard (1987): Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte. Von einem konstruktivistischen Standpunkt.
•  Rusch, Gebhard (1999): "Eine Kommunikationstheorie für kognitive Systeme. Bausteine einer konstruktivistischen Kommunikations- und Medienwissenschaft [kommentiert (RK)]"
•  Wendel, Hans Jürgen (1989): "Wie erfunden ist die Wirklichkeit?"

Externe Links
•  Homepage Gebhard Rusch





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