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Schmidt, Siegfried J. (1990): "Der beobachtete Beobachter. Zu Text, Kommunikation und Verstehen [kommentiert (RK)]", in: Riegas, Volker / Vetter, Christian (Hg.): Zur Biologie der Kognition. Ein Gespräch mit Humberto R. Maturana und Beiträge zur Diskussion seines Werkes. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 308-328.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at


In diesem Artikel erläutert Siegfried J. Schmidt die Konsequenzen einer an Humberto Maturana, Ernst von Glasersfeld und Gerhard Roth orientierten Kognitionstheorie für grundlegende Fragen des Sprachverstehens und der Textinterpretation. Der Artikel ist übersichtlich in zehn Punkte gegliedert, inhaltlich jedoch sehr komplex und dicht gestaltet. All jenen, die mit Maturanas bioepistemologischer Terminologie nicht vertraut sind, ist eine einführende Lektüre zu zu empfehlen (siehe kommentierte Texte und Literaturhinweise zu Maturana). In den Abschnitten eins bis fünf stellt Schmidt jene kognitionstheoretischen Thesen dar, die für ein konstruktivistisches Verständnis literatur- und medientheoretischer Fragen bedeutsam sind. Zunächst hält er fest, dass die Begriffe "Text", "Kommunikation" und "Verstehen" in einer konstruktivistisch-empirischen Wissenschaft grundsätzlich zu einem BeobachterInnenproblem werden. Schmidt beginnt seine konstruktivistische Reformulierung dieser kulturwissenschaftlichen Schlüsselbegriffe mit der Unterscheidung von lebenden, psychischen und sozialen Systemen. Aus Maturanas These der operationalen Geschlossenheit lebender Systeme folgert er, dass Einflüsse aus der Umwelt systemintern interpretiert werden.

Wahrnehmung ist daher immer schon Bedeutungszuweisung. Während systeminterne Zustände einer internen Beobachtung zugänglich sind, wird der externen Beobachtung nur die Oberfläche fremden Verhaltens oder Kommunizierens gewahr. Schmidt konzipiert soziale Systeme deshalb in Anlehnung an Hejl als "synreferenziell", kognitive Systeme bilden durch Interaktionen vergleichbare Wirklichkeiten aus und interagieren im Hinblick auf diese. Verlässliches Wissen über fremde innere Zustände gibt es nicht; im strengen Sinn gibt es deshalb, so betont Schmidt, auch "keine Übertragung von Informationen oder Gedanken durch Sprache" (314). In den Abschnitten sechs bis zehn diskutiert Schmidt die Konsequenzen informationeller Geschlossenheit für die Vorstellungen von Kommunikation, Verstehen und Text. Er betont, dass Kommunikation im konstruktivistischen Ansatz nicht als Informationsaustausch, sondern als "parallele Informations-Konstruktion" aufgefasst wird. Texte werden gemäß spezifischer Konventionen von kommunizierenden Individuen als gemeinsam nutzbare Interaktionsanlässe erkannt und lösen je systemspezifische kognitive Operationen bzw. die Konstruktion von "Kommunikaten" aus.

Damit wird die Vorstellung obsolet, dass ein Text einen wahren Sinn enthalte, der interpretativ erschlossen werden könne. Auf die Konsequenzen dieser Einsicht für texthermeneutische Interpretationen in der Wissenschaft weist Schmidt am Ende des Textes vehement hin. Der konstruktivistische Ansatz interpretiert den Prozess des Verstehens als operationalen Vorgang, der von Parametern wie der sozialen Situation und von Verstehenserwartungen und -voraussetzungen abhängt. "Text" und "Rezipient" sind in diesem Sinn nicht mehr getrennte objektive Größen, die miteinander interagieren. Erst beim Auftauchen von Verständnisproblemen wechselt der Prozess des Verstehens von der kognitiven auf die kommunikative Beobachtungsebene, auf der nach sozialen "Anschlusshandlungen" gesucht wird, welche die Differenz zwischen AktantInnen kommunikativ produktiv machen. Das konstruktivistische Kommunikationsverständnis weist deshalb auf die lebenspraktische Relevanz von Texten hin. Anzumerken bleibt, dass Schmidt in seinem Aufsatz die Frage, ob und inwiefern Bedeutungszuweisungen auch intentional entstehen, weitgehend offen lässt.






Siehe auch: Kognition (ST/RK); Mediensystem (RK); Medienschema (RK); Verstehen (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Zeichen (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Glasersfeld, Ernst von (1987): "Zeichen Kommunikation Sprache"
•  Maturana, Humberto R. (1987): "Biologie der Sozialität [kommentiert (RK)]"
•  Merten, Klaus / Schmidt, Siegfried J. / Weischenberg, Siegfried (Hg.) (1994): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft..
•  Rusch, Gebhard (1992): "Auffassen, Begreifen und Verstehen. Neue Überlegungen zu einer konstruktivistischen Theorie des Verstehens"
•  Schmidt, Siegfried J. (1991/80): Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe.
•  Schmidt, Siegfried J. (1994): Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur.
•  Schmidt, Siegfried J. (1999): "Blickwechsel. Umrisse einer Medienepistemologie [kommentiert (RK)]"






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