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Benveniste, Émile (1974): "Die analytische Philosophie und die Sprache [kommentiert (D)]", in: Benveniste, Émile: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft. München: List Verlag, 297-308. [erstmals erschienen als "La philosophie analytique et la langage" in: Les Études philosophiques, no. 1, Januar-März 1963, P.U.F.; wiederabgedruckt in: Problèmes de linguistiue générale. Paris: Gallimard 1966, 267-275]



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.1.04)

In dem Artikel "Die analytische Philosophie und die Sprache" (erstmals erschienen 1963) setzt sich der Sprachwissenschaftler Benveniste (1902-1976) mit Austins Vortrag "Performative-Constative" auseinander, den dieser 1958 auf einer englisch-französischen Konferenz zur analytischen Philosophie gehalten hat. Im Gegensatz zu Austin plädiert Benveniste nachdrücklich für die Beibehaltung der Konstativ-Performativ-Dichotomie, solange man die durch die Äußerung benannte und vollzogene Handlung von den außersprachlichen Implikationen der Äußerung trennt (307).

Benveniste nennt vier Charakteristika performativer Äußerungen:

1. Performative Äußerungen sind Autoritätshandlungen. Der Sprecher muss befugt und autorisiert sein, eine bestimmte Äußerung zu machen, damit seine Äußerung wirksam werden kann, d.h. zu einer Handlung wird. Die performative Äußerung ist folglich nicht nur eine Autoritätshandlung, die von einer außersprachlichen, sozialen Institution sanktioniert wird; in vielen Fällen, z.B. im Falle eines Versprechens, schafft sie eine persönliche Verpflichtung für den Sprecher.
2. Aus dem Handlungscharakter der performativen Äußerung folgt ihre Eigenschaft einzigartig zu sein: Sie ist ein singuläres Ereignis, da sie eine individuelle, historische Handlung darstellt, wobei die Äußerung das Ereignis schafft (305).
3. Daraus ergibt sich die besondere Eigenschaft des Performativums selbstreferentiell zu sein, insofern es sich auf eine Realität bezieht, "die von ihm selbst konstituiert wird". Die Äußerung und die Handlung, die durch die Äußerung vollzogen wird, sind identisch, so dass die Äußerung sich selbst zum Referenten hat. Die Selbstreferentialität des Performativums ist also nicht im Sinne selbstbezüglicher Sätze, wie z.B. "Dieser Satz ist falsch" oder "Dieser Satz hat fünf Wörter" zu verstehen; vielmehr ist sie darin begründet, dass das Performativum sowohl sprachliche Manifestation ist, "da es ausgesprochen werden muß, und zugleich eine reale Tatsache, insofern es das Vollbringen einer Handlung ist." (305)
4. Folglich ist die performative Äußerung ein Akt der Benennung: Sie benennt sowohl die vollzogene Handlung als auch den Handelnden, das "Ich", das die Äußerung vollzieht.

Obgleich es Benveniste in erster Linie darum geht, ein rein linguistisches Kriterium für die Bestimmung performativer Äußerungen zu finden, kommt doch dem autoritativen/autorisierenden und dem subjektivierenden/subjekt-konstitutiven Charakters des Performativen eine zentrale Bedeutung zu, was sich auch in den Arbeiten von Felman, Bourdieu und Butler niederschlägt. Wenn die performative Äußerung sowohl die Handlung benennt, die sie vollzieht, als auch den Handlungsträger, der diese Handlung ausführt, dann ist die Äußerung nicht nur performativ, weil sie auf eine diskursive Realität verweist, die von ihr selbst konstituiert wird, sondern auch insofern, als sie das Individuum, das die Handlung durch die Äußerung vollzieht, als sprechendes und handelndes Subjekt konstituiert und institutionalisiert.

Benvenistes Insistieren auf dem Begriff des Performativen ist somit auch theoriegeschichtlich bedeutsam. Denn während der Begriff des Performativen von Austin ausdrücklich verworfen und in der Sprechakttheorie anglo-amerikanischer Provenienz so gut wie keine Rolle mehr spielt, erlebt der Performativitätsbegriff in Theorien, die stärker der so genannten continental philosophy und dem poststrukturalistischen Erbe verpflichtet sind, seit den 1990er Jahren eine ungeahnte Renaissance.

Siehe auch: Sprache (D); Performativität (D); Subjekt (D); Referenz (D)

Literaturhinweise
•  Austin, John L. (1963): "Performative–Constative [kommentiert (D)]"
•  Benveniste, Émile (1974): "Über die Subjektivität in der Sprache [kommentiert (D)]"
•  Bourdieu, Pierre (1990): Was heißt sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs.
•  Butler, Judith (1997): Excitable Speech. A Politics of the Performative [kommentiert (D)].
•  Felman, Shoshana (1983): The Literary Speech Act. Don Juan with J. L. Austin, or Seduction in Two Languages [kommentiert (D)].






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