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Schmidt, Siegfried J. (1999): "Blickwechsel. Umrisse einer Medienepistemologie [kommentiert (RK)]", in: Rusch, Gebhard / Schmidt, Siegfried J. (Hg.): DELFIN 1997. Konstruktivismus in der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 119-145.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Siegfried J. Schmidt entwickelt in diesem Artikel eine Skizze zu einer Medienepistemologie, der er folgende Hypothesen voranstellt: a) "Medientechnologien haben eine Transformation der Philosophie und der Wissenschaften erzwungen", b) "Medienepistemologie als Variante der Erkenntnistheorie beginnt mit der Anerkennung von Differenz, Dissens und Pluralität" sowie c) "Kants Fragen, was wir wissen, sollen und hoffen können [...] müssen in den Welten der neuen Medien umformuliert werden" (119f). Eine Medienepistemologie als Transformation der traditionellen philosophischen Erkenntnistheorie nimmt Individuen als kognitive Systeme mit ihren biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Möglichkeiten, ihre Kommunikationsprozesse und Diskurssysteme in den Blick, so Schmidt.

Anschließend widmet sich Schmidt dem Begriff der Wirklichkeitskonstruktion und beschreibt Wirklichkeit als "dynamisches Prozess-Resultat". Der Funktionszusammenhang von Kognition, Kommunikation, Kultur und Medien bildet dabei eine selbstorganisierende Prozesseinheit, die temporär stabile Zustände ausbildet, die von den Individuen als Wirklichkeiten erlebt werden. Schmidt beschreibt dieses Prozessgeschehens als Beobachtung erster Ordnung, an welche die reflexive Beobachtung zweiter Ordnung anschließt, die in diesem Sinne aber "immer schon zu spät kommt" (siehe: nach-denken). Individuen, nach Schmidts Darstellung als kognitive Systeme, sind die Orte dieses Prozessgeschehens, sie "prozessieren Wirklichkeiten", indem sie den Funktionszusammenhang von äußerer und innerer Erfahrung herstellen. "Daher sind Wirklichkeitskonstruktionen strikt Subjekt gebunden, aber nicht subjektiv im Sinne von willkürlich ..." (124)

Die Funktion der Medien, so Schmidt, besteht darin, die strukturelle Kopplung von kognitiven und sozialen Systemen zu leisten. Die in und mit diesen Medien agierenden Systeme nutzen diese Kopplung zur systemspezifischen Sinnproduktion. Die Kopplung von reflexiven Strukturen erzeugt hochkomplexe "fiktive" Strukturen, Schmidt spricht hier von der "großen Fiktionsmaschine Gesellschaft" und definiert Kultur als "Programm der gesellschaftlich verbindlichen, semantischen Thematisierung von Wirklichkeitsmodellen" (130). Medien spielen in diesen Zusammenhängen eine entscheidende Rolle. Kulturen, so Schmidt, sind immer Medienkulturen. Dabei spielt die individuelle kommunikative Sozialisation eine wichtige Rolle bei der Implementierung des Kulturprogramms und Schmidt behauptet in diesem Zusammenhang, dass kulturelle Bedeutungen und Sinnstrukturen rigider, zumindest subtiler als direkte Machtstrukturen auf Individuen wirken würden. Abschließend diskutiert Schmidt die Referenzbedingungen von virtuellen Welten, die sich durch die Anwendung von Neuen Medien ergeben. Cyberspaces eröffnen einen sinnlichen Nachvollzug jener Einsichten, die denen der Beobachtung zweiter Ordnung (kognitiv-reflexive Prozesse) ähnlich sind: Nämlich, dass Erlebniswirklichkeiten konstruiert sind. Solche Kontingenzerfahrungen, so Schmidt, verweisen zurück auf die Konstruktionsbedingungen jeder Wirklichkeit, jener der Lebenswelt sowie auch der des Cyberspace.












Siehe auch: Kognition (ST/RK); Medienschema (RK); Mediensystem (RK); Verstehen (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Rekursion (RK); Beobachtung (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Wissen (ST/RK); Zeichen (ST/RK); Repräsentation (RK)

Literaturhinweise
•  Breidbach, Olaf (1996): "Konturen einer Neurosemantik"
•  Schmidt, Siegfried J. (1998): Die Zähmung des Blicks. Konstruktivismus-Empirie-Wissenschaft [kommentiert (RK)].
•  Schmidt, Siegfried J. (2000): Kalte Faszination. Medien, Kultur, Wissenschaft in der Mediengesellschaft.
•  Weber, Stefan (2001): Medien Systeme Netze. Elemente einer Theorie der Cyber-Netzwerke.






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