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Schmidt, Siegfried J. (1999): "Ernst von Glasersfelds Sprachphilosophie: Grundlagen, Konzepte, Perspektiven [kommentiert (RK)]", in: (Hg.): Wissen und Wirklichkeit. Beiträge zum Konstruktivismus. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag, 111-126.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Schmidt fasst in diesem inhaltlich anspruchsvollen Artikel in sieben Abschnitten die wichtigsten Thesen von v. Glasersfelds kognitiv-konstruktivistischer Sprachtheorie zusammen und greift dabei auch auf eine Reihe seiner frühen Arbeiten zurück. Für ihn ist v. Glasersfeld einer der wichtigsten Vertreter der kognitivistischen und soziologischen Wende der Linguistik und der Sprachphilosophie, die sich seit den 50er Jahren in den USA als kritische Reaktion auf Behaviorismus und Kybernetik 1. Ordnung herausgebildet hat. Seine Sprachtheorie versucht eine Reformulierung des Problems der Referenz und der Repräsentation unter konstruktivistischen Gesichtspunkten. Semantische Analysen, so v. Glasersfeld, müssen in Form von kognitiven Analysen durchgeführt werden. Eine kognitionsorientierte Semantik ist an der Erforschung der aktiven kognitiven Beteiligung der Individuen an der Entwicklung von Sprache und Kommunikation interessiert. Schmidt zitiert hier eine 'Grundsatzerklärung' v. Glasersfelds aus dem Jahre 1972: "the crucial step in the interpretation of language is not the step from one linguistic structure to another, but the step from a linguistic expression to a non-linguistic conceptual representation" (115).

V. Glasersfeld entwickelt seine konstruktivistische Sprachtheorie anhand einer, wie Schmidt betont, fairen Auseinandersetzung mit den Positionen von Norbert Wiener, Colin Cherry und Susanne Langer. Unter Rückgriff auf Ch. Hocketts deskriptive Kriterien für Sprache definiert er Kommunikation aus kybernetischer Perspektive als absichtsvollen Prozess, in dem Ziele als Referenzwerte, Sensualität als sensorische Funktion und Technik als Effektorfunktion untrennbar zusammengehören. Das wichtigste Merkmal von Sprache ist in v. Glasersfelds Sichtweise ihre symbolische Kapazität. Wenn Zeichen zu Symbolen werden, wird es möglich, Erfahrungen von Gegenständen zu erinnern und unabhängig von der unmittelbar aktuellen Situation zu vergegenwärtigen. Damit geht menschliche Sprache über die Rolle als funktionales Werkzeug hinaus und unterscheidet sich von tierischen Kommunikationssystemen. Schmidt beschreibt dazu in einem kurzen Absatz v. Glasersfelds Untersuchungen der kommunikativen Fähigkeiten von Primaten im Rahmen des "Lana-Projekts", in dem er die Differenz zwischen Kommunikation allgemein und menschlicher Sprache im Besonderen herausarbeitete. Weiters zeigt Schmidt, wie v. Glasersfeld mithilfe von Maturanas Begriff des "konsensuellen Bereichs" die Entstehung von Bedeutung erklärt: Bedeutung müsse sich auf viable Erfahrungen mit anderen beziehen und in sozialen Interaktionen und Interpretationsprozessen herauskristallisieren. Bedeutungen sind somit zum einen strikt subjektabhängig, zum anderen auf soziale Reglements bezogen, die Teile jenes übergeordneten Systems symbolischer Ordnungen sind, die man als Kultur einer Gesellschaft bezeichnen kann. Abschließend schlägt Schmidt vor, für die Entwicklung einer komplexen Sprach- und Bedeutungstheorie sowohl biologische als auch psychologische, soziologische und kulturtheoretische Aspekte sowie genetische und strukturelle Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Seiner Ansicht nach haben die sprachtheoretischen und sprachphilosophischen Arbeiten von v. Glasersfeld den Weg für diese integrative Sichtweise geebnet.







Siehe auch: Kognition (ST/RK); Verstehen (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Zeichen (ST/RK); Viabilität (RK); Beobachtung (ST/RK); Schema (RK); Sprache (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Glasersfeld, Ernst von (1987): "Zeichen Kommunikation Sprache"
•  Glasersfeld, Ernst von (1990): "Die Unterscheidung des Beobachters: Versuch einer Auslegung"
•  Glasersfeld, Ernst von (1997): Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme [kommentiert (RK)].
•  Merten, Klaus / Schmidt, Siegfried J. / Weischenberg, Siegfried (Hg.) (1994): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft..
•  Schmidt, Siegfried J. (1999): "Blickwechsel. Umrisse einer Medienepistemologie [kommentiert (RK)]"






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