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Spivak, Gayatri Chakravorty (1992): "Verschiebung und der Diskurs der Frau [kommentiert (D)]", in: Vinken, Barbara (Hg.): Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 183-218. [engl.: "Displacement and the Discourse of Woman", in: Krupnick, Mark (ed.): Displacement. Derrida and After, Bloomington: Indiana University Press, 1983, 169-195; reprinted in: Holland, Nancy J. (ed.): Feminist Interpretations of Jacques Derrida, Pennsylvania State University Press, 1997, 43-72].



Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

In diesem 1983 erschienenen Artikel geht Spivak in einer komplexen, oftmals schwierig nachvollziehbaren Lektüre verschiedener Texte von Derrida (Sporen, Glas, "La double séance" und Das Gesetz der Gattung) sowie von Freuds Vorlesung "Die Weiblichkeit" der Frage nach, ob, wie und in welchem Maße die Dekonstruktion und Derridas Kritik des Phallozentrismus für das Projekt eines politischen, marxistisch inspirierten Feminismus fruchtbar gemacht werden können.

Spivak kommt zu dem Ergebnis, dass die Dekonstruktion ein überzeugendes Argument gegen den Versuch liefert, an Stelle eines phallozentrischen einen hysterazentrischen Diskurs zu etablieren. Als 'feministische' Praxis jedoch bleibt die Dekonstruktion auf der anderen Seite der sexuellen Differenz verhaftet: "In welcher Entfernung zur 'différance' [...] auch immer sexuelle Differenz gedacht wird, die sexuelle Unterschiedlichkeit (differential) zwischen 'Mann' und 'Frau' bleibt irreduzibel." (204) Spivaks Kritik bezieht sich auf Derridas Versuch, die Frau über ein Netzwerk von Metaphern mit der Dekonstruktion intrinsisch zu korrelieren. Doch genau dieser Gestus läuft Gefahr, die Frau wieder zu vereinnahmen und zu fetischisieren und sie an einen Ort zu verweisen, zu dem es keinen adäquaten Referenten gibt. Spivak anerkennt, dass dieDekonstruktion als eine Feminisierung der Praxis der Philosophie verstanden werden kann und nicht nur als "ein weiteres Beispiel für die maskuline Verwendung der Frau als Mittel zur Selbstbestätigung"; sie kann dies jedoch nur insofern, als sie die Frau als Figur nimmt, die auf doppelte Weise verschoben werden muss (189, 186). Selbst wenn der dekonstruktive Diskurs "den Phallozentrismus oder die Souveränität des Bewusstsein kritisiert (und so sich selbst im Hinblick auf eine bestimmte Logik zu verschieben oder zu 'feminisieren' sucht)", muss er "die Figur der Frau zweimal mehr verschieben" (188). Der dekonstruktive Diskurs verschiebt sich also selbst, wenn er sich 'feminisiert', und zugleich verschiebt er sein 'Objekt'.

Spivak fokussiert die doppelte Verschiebung auf mehreren Ebenen und in mehreren Etappen ihrer Lektüre. Signifikantes Beispiel dafür ist Derridas Figur des Hymen als Figur für die Unentscheidbarkeit: "Betrachten wir kurz das Problem der zweifachen Verschiebung bei Derrida: es besteht darin, dass er unentscheidbare weibliche Figuren an die Stelle der männlichen setzt." (190) Obwohl Derrida die Figur der Frau zu bejahen versucht (200), spricht er "aus der unrettbar kompromittierenden Position eines Mannes" (202). Spivak greift damit nicht nur die Kernfragen 'feministischer' Erkenntnistheorie hinsichtlich der Problematik des erkennenden Subjekts und seiner sexuellen Markierung auf. Sie hinterfragt auch ihre eigene Position als Frau und als "aufrechte [straight] Dekonstruktivistin des (traditionell männlichen) Diskurses" (204).

Spivaks Text praktiziert letztlich den Aufschub oder die Verschiebung, die er selbst thematisiert. In diesem Sinn gelangt er zu keiner 'Lösung' des Problems. Das Potential liegt in der Art und Weise, in der Derridas Texte selbst wiederum 'verschoben' werden und somit ins Blickfeld einer dekonstruktiven feministischen Lektüre geraten.

Siehe auch: Dekonstruktion (D); Lektüre (D); Rhetorik (D); Aporie (D); Différance (D)

Literaturhinweise
•  Derrida, Jacques (1986): "Sporen. Die Stile Nietzsches [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1994): "Das Gesetz der Gattung [kommentiert (D)]"
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]"
•  Spivak, Gayatri Chakravorty (1976): "Translator's Introduction"
•  Spivak, Gayatri Chakravorty (1993): "Feminism and Deconstruction, Again: Negotiations"






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