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Stadler, Michael / Kruse, Peter (1990): "Über Wirklichkeitskriterien [kommentiert (RK)]", in: Riegas, Volker / Vetter, Christian (Hg.): Zur Biologie der Kognition. Ein Gespräch mit Humberto R. Maturana und Beiträge zur Diskussion seines Werkes. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 133-158.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Stadler und Kruse widmen sich in diesem Beitrag einer systematischen Bestimmung des Begriffs der phänomenalen Wirklichkeit anhand von kognitionspsychologischen Prozessen der subjektiven Wirklichkeitskonstitution. Die Autoren stellen zunächst realistische und repräsentationale Wahrnehmungstheorien der wissenschaftlichen Tradition vor und konfrontieren diese mit dem radikalkonstruktivistischen Ansatz, der auf dem Konzept der kognitiven Selbstreferenz beruht. Die selbstreferenzielle Konstruktion von Gegenständen, die sich in kognitiven Systemen zu einem Wirklichkeitseindruck zusammensetzen, kann, so die Autoren, "als Dimensionalitätssprung oder als Phasenübergang bei kontinuierlicher Zunahme der Komplexität von Reizmustern" (153) erklärt werden. Mit der Zunahme von Reizangeboten werden immer dichtere Netze von Referenzen und Relationen ausgebildet, aus denen zusehends komplexere Wahrnehmungsobjekte emergieren. Die Autoren weisen darauf hin, dass im Schnittfeld von Kognitionsforschung, Psychologie und Systemtheorie ein Modell entstanden ist, das kognitive Systeme als semantisch geschlossene, selbstreferenzielle Regelsysteme erfasst. Eine ontische Realität außerhalb des Systems muss zwar als Voraussetzung für energetische Reize und Impulse angenommen werden ('ontologisches commitment'), inhaltliche Aussagen über diese Realität sind jedoch als Konstruktionen systeminterner Bedeutungszuweisungen, bzw. als Wirklichkeitskonstruktionen aufzufassen.

Nach dieser Grundlegung differenzieren die Autoren die phänomenale Wirklichkeit in verschiedene Wirklichkeitsaspekte, anhand dieser der 'Wirklichkeitsgrad' von Gegenständen festgestellt und Wirkliches von Nicht-Wirklichem (Vorstellungen, Phantasien, Erinnerungen, Vermutungen) abgegrenzt werden kann. Anschließend gehen Stadler und Kruse daran, einen Katalog von Wirklichkeitskriterien zu entwickeln und unterteilen diese in drei Gruppen. Die syntaktische Gruppe ist durch strukturelle, kognitive Merkmale bestimmt und enthält die grundlegendsten Wirklichkeitseindrücke, die im kognitiven System konstituiert werden, das sind einfache Sinnesqualitäten wie Helligkeit, Kontrast, Farbe. Die zweite Gruppe schließt an die erste an und enthält semantische Wirklichkeitskriterien wie Bedeutung, Ausdruck oder Kontext. Diese stellen einen konkreten Objektbezug her, der sich im Erkenntnisprozess konstituiert. Zur pragmatischen Gruppe gehören Wahrnehmungsgegebenheiten, die in einem Handlungs- und Wirkungskontext stehen.






Siehe auch: Kognition (ST/RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Wahrnehmung (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Wissen (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Rekursion (RK); Repräsentation (RK)

Literaturhinweise
•  Glasersfeld, Ernst von (1987): Wissen, Sprache und Wirklichkeit: Arbeiten zum radikalen Konstruktivismus.
•  Richards, John / Glasersfeld, Ernst von (1987): "Die Kontrolle von Wahrnehmung und die Konstruktion von Realität. Erkenntnistheoretische Aspekte des Rückkoppelungs-Kontroll-Systems"
•  Riegler, Alexander (2001): "Ein kybernetisch-konstruktivistisches Modell der Kognition [kommentiert (RK)]"
•  Roth, Gerhard (1992): "Kognition: die Entstehung von Bedeutung im Gehirn [kommentiert (RK)]"






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