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Trinh, Minh-ha T. (1989): Women. Native. Other. Writing Postcoloniality and Feminism [kommentiert (D)]. Bloomington: Indiana University Press [dt. Teilübersetzg. in: Saxenhuber, Hedwig/Bernstorff, Madeleine (Hg.): Trinh T. Minh-ha: Texte, Filme und Gespräche. Dt. Erstausgabe, München/Wien/Berlin 1995].



Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Trinhs stilistisch wie inhaltlich anspruchsvoller Text unternimmt eine Engführung und Verschränkung postkolonialer, literaturwissenschaftlicher und anthropologischer Diskurse mit der Absicht, diese Diskurse und ihre Rhetorik mit und durch die Sprache des Feminismus zu beeinflussen, sie gleichsam zu 'infiltrieren'. Dabei wechselt sie permanent die Perspektive. Trinh greift Themen auf, behandelt sie kurz, lässt sie fallen oder schiebt sie zur Seite, um sie an anderer Stelle wieder aufzunehmen. Auch die vier Kapitel ihres Buches spiegeln diese Diskontinuität wider. Im ersten und dritten Kapitel ("Commitment from the Mirror-Writing Box" und "Difference: 'A Special Third World Woman Issue'") geht es um die sprachliche und rhetorische Festschreibung der Frau an Orte, an denen Frauen die Regeln der Unterdrückung erfüllen müssen oder sogar den Drang danach verspüren, sich nach diesen Regeln zu richten. Im zweiten und letzten Kapitel ("The Language of Nativism: Anthropology as a Scientific Conversation of Man with Man" und "Grandma's Story") verhandelt sie den Missbrauch von Personengruppen oder Kulturen, die das 'Andere' verkörpern, durch 'Erzählungen', die dem Wohle der Unterdrücker dienen. Trinh umkreist, durchdringt und verschiebt die Problematik fragmentierter oder multipler Realitäten, kultureller Hybridisierung, dezentrierter Identitäten. Zentrale Problemfelder bilden das Schreiben 'farbiger' Frauen und das 'Geschichtenerzählen' als eine der fundamentalen Formen historischer Bewusstseinsbildung.

Trinhs Text widersteht jedoch der klassischen Analyse, weil er es nicht erlaubt, sich an einigen wenigen zentralen Thesen zu orientieren. Der Gestus der permanenten Verschiebung erfordert eine Lektüre des gesamten Textes. Trinh vermeidet es, Oppositionen aufzubauen und Argumente gegeneinander stark zu machen. Vielmehr wendet sie ein Verfahren an, das man als Theorie in Bewegung bezeichnen könnte. Festgefahrene feministische Ideale lehnt sie ebenso ab wie misogyne rhetorische Strategien. Auf welche Weise sie zu vermeiden versucht, dominante Unterdrückungsmuster zu reproduzieren, kann folgendes Zitat illustrieren: "In many cases emphasis is necessarily placed upon a reversal of the hierarchy implied in the opposition between mind and the body, spiritual and material, thinking and feeling, abstract and concrete, theory and practice. However, to prevent this counter-stance from freezing into a dogma [...] the strategy of mere reversal needs to be displaced further, that is to say, neither simply renounced nor accepted as an end in itself." (40)

Trinhs Text 'tut', was er fordert, er verbleibt hinsichtlich seiner argumentativen Strategien im 'Werden'. Die andauernde Rejustierung ihrer Bezugspunkte, sei es das 'Ich' oder das 'Andere', erschwert es, 'Handlungsfähigkeit' festzumachen. Die Differenz zwischen dem "Ich" mit großen und dem "ich" mit kleinem "i" illustriert, was Trinh unter einem Denken der Differenz oder différance versteht: "Infinite layers: I am not i can be you and me. [...] I is itself infinite layers." (90f.) Trinh entfaltet hier die Schichtungen des Ich und evoziert eine kritische Distanz zu Begriffen wie Selbst, Ursprung, Reales und Authentizität. Differenz ist, wie sie sagt, "that which undermines the very idea of identity, deferring to infinity the layers whose totality forms the 'I'" (96).

Die Arbeiten der Filmemacherin, Musikerin und Theoretikerin, die an der University of California, Berkeley, lehrt, liefern im anglo-amerikanischen Raum einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung eines, wie ich es nennen möchte, transdisziplinären 'Postfeminismus' mit Fokus auf Postcolonial Studies.

Siehe auch: Autobiografie (D); Identität (D); Différance (D); Subjekt (D); Alterität (D); Hybridität (D); Macht (D)

Literaturhinweise
•  Bhabha, Homi K. (1990): "DissemiNation: Time, Narrative, and the Margins of the Modern Nation""
•  Derrida, Jacques (1988): "Die différance [kommentiert (D)]"
•  Fanon, Frantz (1991): Black Skin, White Masks.
•  Hooks, Bell (1984): Feminist Theory. From Margin to Center.
•  Hooks, Bell (1989): "Writing Autobiography"






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